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Titel118

Bombenstimmung  (Christophe Zerpka)

Der kleine Silvesterkrieg ist vorbei. Wie jedes Jahr gab es nur wenig Kollateralschäden. Zwei Tote, abgesprengte Gliedmaßen, ein verlorenes Auge, ein paar Brände, Hörschäden. Nun ist alles wieder ruhig. Eine trügerische Ruhe. Denn es wird weiter gezündelt, im großen Stil. Die ganz großen Böller werden wieder in Erwägung gezogen. Lange galt es als ausgemacht, dass das »Gleichgewicht des Schreckens« jede atomare Kriegsführung unmöglich macht. Auch noch nach dem Kalten Krieg galt die Devise: Wer zuerst abdrückt, stirbt als zweiter. Nun jedoch sitzen in den Laboren der Atommächte eifrige Tüftler, die an Möglichkeiten basteln, den Gegenschlag zu verhindern. Vor allem in den USA wurden schon unter dem Friedensnobelpreisträger Obama milliardenschwere Programme angeschoben, die Nuklearwaffen wieder salonfähig machen sollen. Da gibt es zum einen das von amerikanischen Generälen schon lange favorisierte Konzept der Mini-Nukes, kleine Kernwaffen, die »nur« eine militärische Stellung ausschalten sollen. An einer anderen Variante soll in Russland gearbeitet werden. Es handelt sich um einen lenkbaren Hyperschall-Flugkörper, der die 20-fache Schallgeschwindigkeit erreicht und so die Vorwarnzeit auf 15 Minuten reduziert. Eine »saubere« Atombombe der besonderen Art verbirgt sich hinter dem Kürzel EMP für electromagnetic pulse. Schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts haben amerikanische Wissenschaftler durch Tests festgestellt, dass das Zünden eines nuklearen Sprengsatzes in großer Höhe am Boden kaum Radioaktivität freisetzt, dort aber alle elektronischen Geräte in einem Umkreis von bis zu 3000 Kilometern lahmlegt oder zerstört. Das ist selbstverständlich im Computerzeitalter ein verführerischer Effekt, zudem ist die technische Realisierung simpel.

 

Am 16. Oktober 1980 fand im Nordwesten Chinas der letzte oberirdische Nuklearwaffentest statt. Seither gab es den so charakteristischen Atompilz nicht mehr zu sehen, die Versuche finden unsichtbar, unterirdisch statt, die Möglichkeit einer realen Anwendung von Kernwaffen verschwand allmählich aus dem öffentlichen Diskurs. In den 50er und 60er Jahren war die Angst vor dem Atomtod noch allgegenwärtig gewesen. In deutschen Städten wurden auf öffentlichen Plätzen synchronisierte amerikanische Lehrfilme gezeigt, die über das richtige Verhalten bei der Explosion einer Atombombe informieren sollten. Die Filme sind im Netz verfügbar, und man sollte sie sich ansehen. In den meisten geht es nur um den Schutz vor der Hitze- und Druckwelle, Radioaktivität wird kaum erwähnt. Vor allem der Zeichentrickfilm »duck and cover« (www.youtube.com/watch?v=IKqXu-5jw60) ist an Naivität nicht zu überbieten.

 

Es ist dem Friedensnobelpreisträger 2017, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), zu verdanken, dass das Thema wieder eine breitere Öffentlichkeit erreicht. Von dieser Organisation war auch die Initiative zu einem Abkommen für ein Verbot von Atomwaffen ausgegangen, welches im Juli 2017 in der UNO-Vollversammlung von 122 Staaten beschlossen wurde. Boykottiert wurde das Abkommen von den Atommächten und fast allen NATO-Staaten.

 

1985, noch während des Kalten Krieges, wurde eine andere Organisation mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. In der Vereinigung IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) setzen sich Ärzte aus aller Welt für die atomare Abrüstung ein. Seit Jahren warnt die Organisation vor den katastrophalen Auswirkungen nuklearer Kriege auf die Bevölkerung.

 

Trotzdem sind sich viele der Gefahr nicht bewusst. Nur wenige Bewohner des rheinland-pfälzischen Eifeldörfchens Büchel sind sich über die möglichen Konsequenzen klar, die von den in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gelagerten taktischen Atomwaffen ausgehen. Schließlich ist der amerikanische Fliegerhorst der größte Arbeitgeber am Ort. Auch die anderen Anrainer amerikanischer Stützpunkte sind sich kaum bewusst, dass sie im Falle eines Konflikts Primärziele wären.

 

Weltweit gibt es 15.600 einsatzfähige Atomwaffen, für viele Militärs eine verführerische Alternative. Schon US-General Douglas McArthur wollte während des Koreakrieges die Bombe einsetzen, auch Nordvietnam sollte mit dieser »günstigen« Waffe besiegt werden. Bisher siegte die politische Vernunft über die Militärs. Als im Dezember 2017 der US-amerikanische General Robert Neller 300 seiner Soldaten in Norwegen einen Besuch abstattete, sprach er ganz offen von Krieg: »Ich hoffe, dass ich falsch liege. Aber es wird Krieg geben. Vergesst nicht, warum ihr hier seid.« Es steht außer Frage, dass der Gegner das schon fast vollständig umzingelte Russland sein soll.

 

Währenddessen kann man auf Spiegel online am 25. Dezember 2017 muntere Zukunftsvisionen lesen: »Wie wir 2037 leben werden.« Wenn dann noch jemand lebt. Oder wie es der amerikanisch-österreichische Chemiker und Schriftsteller Ewin Chargaff einst pessimistisch formulierte: »Vielleicht haben wir 2030 gerade erst wieder das Fahrrad erfunden.«

 

Hoffen wir, dass es wirklich erst wieder nächstes Silvester zischt und kracht.