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Titel1209

Bemerkungen

Unsere brave Obrigkeit
Die jüngste Initiative des Präsidenten Dmitrij Medwedew zur Ausrottung der Korruption wird amtlich als entscheidender Schlag gegen Auswüchse im Beamtentum gepriesen. Alle, die ein Staatsamt bekleiden, sollen – in diesem Jahr noch freiwillig, im nächsten obligatorisch – den Wert ihres privaten Besitzes einschließlich Bankkonten deklarieren. Ehegatten und unmündige Kinder sind einzubeziehen, sonstige Verwandte nicht. Die Neureichen dürfen also ihr Vermögen formell auf Omas, erwachsene Söhne oder Schwiegermütter übertragen.

Die Medien konnten nur spotten, vor allem über den Präsidenten der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow. Er hatte in seine Deklaration eingetragen, er besitze lediglich eine 36 Quadratmeter große Wohnung und ein Auto der Marke »Lada«, sonst nichts. Dabei konnte jeder Internet-Besucher leicht feststellen, daß das Gedächtnis des Provinzfürsten bedrohliche Lücken aufweist. Kadyrow hatte beispielsweise vergessen, seine Rennpferdherde (eins der Rösser kostete immerhin 2,5 Millionen Dollar) und seine -zig Luxuswagen (Porsche, BMW, Ferrari und mehrere Jeeps) zu erwähnen. Auch sein privater Zoo mit Tigern, die er Journalisten stolz zu präsentieren pflegt, kam nicht vor. Vom Prachtpalast ganz zu schweigen.

Falls die Ergebnisse der Umfragen stimmen, sind rund 30 Prozent der Bevölkerung bereit, die Angaben unserer Machthaber für bare Münze zu nehmen. Wo die Meinungsforscher so viele Naivlinge finden, ist ihr Geheimnis. Die Zeitung Moskowskij Komsomolez veranstaltete eine eigene Umfrage im Internet. Ihr antworteten 1,5 Prozent der Leser, sie glaubten der Obrigkeit – vermutlich Leute, die eine falsche Taste gedrückt haben oder selber Beamte sind. Die restlichen 98,5 Prozent antworteten mit einem klaren Nein.

Niemand bezweifelt, daß die Minister und Gouverneure samt ihren Stellvertretern sowie hunderttausende weitere Beamte scham- und straflos lügen. In einer Fernsehsendung wurde kürzlich die Summe der Schmiergelder im vergangenen Jahr auf mehr als 350 Milliarden Rubel geschätzt. Nicht zu vergessen sind weitere Milliarden aus dem Steuerhaushalt, die laut offiziellem Sprachgebrauch »zweckentfremdet« verschwunden sind.

Die bisherigen Auswirkungen der Initiative zur Korruptionsbekämpfung sind beschämend. Beamte aller Ränge haben der Nation deutlich zu verstehen gegeben, wie wenig Sie auf die öffentliche Meinung achten. Und welch geringen Wert sie präsidialen Verfügungen beimessen.

In meiner Erinnerung sehe ich die Provinzstadt Kamensk-Schachtinskij im Großraum Rostow am Don, die ich vor einigen Jahren gemeinsam mit anderen Journalisten besuchte. Am Rande wollte ich einen Blick auf die Vorortssiedlung der dortigen Machthaber werfen. Der Eindruck war umwerfend. So viele zwei- bis dreistöckige Villen hatte ich zuvor nie gesehen. Während der Besichtigung wurde mein Taxifahrer nervös; er flehte mich an, nichts zu fotografieren. Die Wache würde es sofort merken. (»Sie gehen dann nach Moskau zurück, ich aber bleibe hier und kriege Ihretwegen Unannehmlichkeiten.«) Während der Rückfahrt in die Stadt erzählte er, nachbarschaftlich ständen die Paläste des Oberbürgermeisters, des Polizeichefs, des Staatsanwalts, des Mafiabosses und sonstiger einflußreicher Bewohner (»die Herren des Lebens«) beieinander. Ob sie alle ihren wie vom Himmel gefallenen Reichtum gewissenhaft deklariert haben? Ich bin nicht sicher. Und wie viele solcher Städte gibt es landesweit ...

Ein Kollege von Moskowskij Komsomolez hat eine erfrischende Idee publiziert: Jedem Schwindler im Staatsapparat soll man so viel Besitz lassen, wie er in seiner Deklaration angegeben hat; der Rest soll der öffentlichen Hand übereignet werden, zugunsten des Allgemeinwohls. Schön wäre es. Leider nicht realisierbar. Vergessen wir nicht die Verwandten ...

Sergej Guk


Wahldebakel

Europawahl, Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen: ein Superwahljahr. Von einem Superwahltag konnte neulich an der Martin-Luther-Universität in Halle gesprochen werden. Da galt es, den Studierendenrat, den Senat der Universität, die Fachschafts- und die Fakultätsräte zu wählen. Doch in den Tagen und Wochen vor dem vierfachen Urnengang blieb es erstaunlich ruhig. In den Vorjahren hatten die Parteien alles daran gesetzt, sich möglichst deutlich voneinander zu unterscheiden, und einzelne Kandidaten hatten versucht, um jeden Preis ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Diesmal informierte nur die sozialdemokratische Partei mit Handzetteln vage über ihre Ziele – mit hohlen Worten.

Stattdessen trat in diesem Jahr das Wahlamt der Universität stark in Erscheinung. Da zu Recht befürchtet wurde, daß die Teilnahme an den Abstimmungen auf ein Rekordtief sinken würde, prangten bald Plakate an den Laternenpfählen um den Universitätsplatz, lagen Handzettel auf den Mensatischen und wurde schließlich sogar das Pflaster des Campus genutzt, um die Studenten zur Teilnahme an den Wahlen zu motivieren. Das Wahlamt ging in seinem Engagement so weit, auf Plakaten die mit Zetteln versehenen Füße eines Toten zu zeigen, der, wie der Text erläuterte, im Gegensatz zu den Studenten keine Wahl mehr habe. Aufforderungen zum Wählen wurden auch über den Pissoirs der zentralen Universitätsgebäude angebracht.

Und mit welchem Erfolg? Lassen sich aus den Erfahrungen an der Universität Halle Lehren für die bevorstehende Bundestagswahl ableiten?

Im Durchschnitt nahmen lediglich 24 Prozent der Immatrikulierten an den Wahlen teil. Die eifrigsten waren die Theologen mit mehr als 45 Prozent, von den Geisteswissenschaftlern dagegen fanden nur neun Prozent den Weg in die Wahllokale. An dieser Fakultät hatten sich für den Studierendenrat und den Fakultätsrat gar keine Kandidaten nominieren lassen.

Mit 13 Prozent gehörten auch die Wirtschaftswissenschaftler zu den Wahlmuffeln; zudem kam es hier zu derart großen Unregelmäßigkeiten, daß die Wahl für ungültig erklärt wurde, also wiederholt werden muß.

Was Meinungsforscher, Politologen und UN-Wahlbeobachter vielleicht aufregen würde, läßt die Studierenden kalt. Geht nicht eh alles seinen gewohnten Gang? Gibt es Alternativen? Welche Wahl hätte man denn?

Das in Halle war mangels Wahlkampf nicht deutlich geworden.
Bernhard Spring


Zentrum gegen Heuchelei – bitte!

Otto Köhler hat im vorigen Ossietzky-Heft die Petition kommentiert, das geplante »Zentrum gegen Vertreibung« um ein Gedenken für die ab 1933 aus Deutschland vertriebenen Künstler und Intellektuellen zu ergänzen. Initiator der Petition ist die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft. Erika Steinbach erhält, wie es scheint, antifaschistischen Segen. Sie wäre sehr dumm, wenn sie ihn nicht dankbar annähme.

Die Petenten nennen etliche von den Nazis Vertriebene beim Namen, darunter Politiker wie Willy Brandt, Henry Kissinger, Josef Burg, Georg Weidenfeld. Kein einziger Kommunist ist dabei – als wüßten man nicht, daß keine andere Partei im entferntesten so mörderisch verfolgt wurde wie die KPD. Im Antikommunismus, der Grundtorheit der Epoche (Thomas Mann), stimmen die Petenten offenbar mit Steinbach überein, und es ist eben diese Grundtorheit, die im »Zentrum gegen Vertreibung« ihren Ausdruck finden soll.

Ist ein »Zentrum gegen Vertreibung« unter gar keinen Umständen zu akzeptieren? Doch. Durchaus. Und zwar dann, wenn dort auch die Vertreibungen dokumentiert werden, die durch die von Steinbach im Bundestag mitbeschlossenen Kriege verursacht wurden – in Jugoslawien, in Afghanistan/Pakistan, im Irak. Mehrere Millionen Menschen wurden in diesen Kriegen vertrieben. Wer spricht von ihnen? Steinbach nicht. Wer hilft zum Beispiel den Vertriebenen in Serbien? Es sind mehr als eine halbe Million allein in diesem kleinen Land, dessen Industrie und große Teile der Infrastruktur vor zehn Jahren von Deutschland und dessen NATO-Verbündeten zerbombt wurden.

Mein Vorschlag zur Güte: Errichten wir erst einmal ein Zentrum gegen Heuchelei!
Eckart Spoo


Buchenwald

Der Präsident der USA hat ein ehemaligen Konzentrationslager besucht. Nahezu einhellig berichteten die deutschen Medien, Sinn der Visite sei es gewesen, geschichtspolitisch dem Staate Israel »Respekt zu zeigen«. Wie das? In Buchenwald waren Bürger Israels nicht gefangen, weil es diesen Staat damals noch nicht gab. Und in diesem KZ wurden Menschen unterschiedlichster Herkunft geschunden und zu Tode gebracht, politisch Verfolgte, rassistisch Verfemte, auch Kriminelle; unter den jüdischen Häftlingen Zionisten und Gegner des Zionismus, unter den Politischen konservative, hitlergegnerische Christen, jüdische Kommunisten, Sozialdemokraten. Ein weites Spektrum von Gequälten, die der deutsche Faschismus zu »Gemeinschaftsfremden« erklärt und dort zwangsweise zusammengeführt hatte. Ermordet wurde in Buchenwald neben vielen anderen Ernst Thälmann. Für symbolische Gesten im heutigen weltpolitischen Machtspiel ist dieser Ort, wenn man seine historische Wirklichkeit kennt, nicht geeignet. Aber Leitartikler und TV-Kommentatoren müssen ja nicht über Geschichtskenntnisse verfügen, sie sind politgeschäftlich tätig.
Arno Klönne


Völkerversöhnung

Veranstaltungen über Völkerverständigung sind oft gut gemeinte Pflichtübungen, die bei den Anwesenden außer gehörigem Applaus wenig auslösen. Ganz anders neulich in Hamburg eine gemeinsame Veranstaltung kurdischer und armenischer Intellektueller über den Völkermord an den Armeniern.

Der nach langer Haft in der Türkei nun im Berliner Exil arbeitende kurdische Schriftsteller Recep Marasli trug die Ergebnisse seiner historischen Forschungen vor und stellte unumwunden fest, daß sich Kurden 1915 bei dem Genozid an Christen im Osmanischen Reich von türkischen Politikern als Mordwerkzeuge instrumentalisieren ließen. Den anwesenden Armeniern nahm es eine Last von der Seele, daß ein kurdischer Intellektueller den Genozid als solchen wahrnahm, die Teilnahme kurdischer Stämme an den Massakern bestätigte und damit kurdische Mitschuld eingestand.

Zu solchen Erkenntnissen und Aussagen zu gelangen, ist eine große Leistung von Kurden, die ohne eigene Schulen, Bibliotheken oder gar Universitäten zunächst ihre Sprache, ihre Kultur und Geschichte erforschen mußten. Das türkische Erziehungssystem, die offizielle Geschichtsschreibung und die kemalistische Ideologie verbreiten sowohl über Kurden wie über Armenier nur Zerrbilder.

Der Druck, unter dem die Kurden standen und stehen, hinderte sie lange, sich auch noch mit dem Schicksal der Armenier zu beschäftigen. Sie übernahmen zunächst die vorherrschende türkische Version, nach der es keinen Völkermord gab und die Armenier an ihrer »Umsiedlung« selbst schuld waren. Marasli aber gelang es während mehrjähriger Haft im Foltergefängnis von Diyarbakir, ohne Kenntnis der wissenschaftlichen Diskussion sinnvolle Fragen zu formulieren und hinter dem offiziellen Blendwerk das eigentliche Geschehen zu erkennen.
Armenier, Kurden und alle, die eine friedliche Entwicklung in Anatolien wünschen, sehen jetzt Grund zur Hoffnung, daß sich die Verhältnisse in der Türkei ändern. Immerhin ist Maraslis Buch auch in Ankara veröffentlicht worden.

Bisher hat der Staatsapparat seine Zensurknüppel nicht losgelassen.
Jörg Berlin


Umschulung
In der Titelerzählung des Bandes findet die Ich-Erzählerin vor ihrer Haustür einen Lederbeutel und kommt ob des wertvollen Inhalts in Gewissenskonflikte. In einer anderen Geschichte gerät sie über eine Reihe mysteriöser Anrufe in Beunruhigung. Ein Gewinnspiel entpuppt sich als Angebot, anteilig ein Hotelzimmer in der Karibik zu erwerben. Ein Konflikt zwischen getrennten Partnern um die gemeinsame Wohnung entwickelt sich binnen kurzer Zeit zum Albtraum.

Die in diesem Band zusammengestellten elf Erzählungen schildern, wie nachgelassene DDR-Bürger nach 1990 mit den Wirrnissen und Fallstricken der freiheitlich-demokratischen Marktwirtschaft zu kämpfen hatten. International anerkannte Wissenschaftler landeten nach erfolgter Umschulung hinter dem Schalter einer Bank, andere mußten sich mit den obskursten Vertretertätigkeiten durchschlagen. Aus dem Zusammenbruch des in sich geschlossenen Bezugssystems und dem Nicht-Begreifen der unvermittelt übergestülpten neuen Verhältnisse entstanden Ängste, in vielen Fällen auch neurotische Verhaltensweisen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die hier geschilderten kleinen, scheinbar alltäglichen Episoden eine groteske Dimension und manchmal kafkaeske Schwärze.

Vera Friedländer, in der DDR Professorin für Germanistik, seit 1990 Leiterin einer multikulturellen Sprachschule in Berlin, zitiert am Ende des Bandes das bittere Fazit des Dichters Theodor Storm im Jahre 1867, kurz nach der Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen:

»Unglaublich ist die Roheit dieser Leute. Auf diese Weise einigt man Deutschland nicht.«
Gerd Bedszent
Vera Friedländer »Ein Lederbeutel. Beinahe wahre Geschichten«, trafo Literaturverlag, 159 Seiten, 9.80 €


Louis Fürnberg
schien schon fast vergessen. Um so freudiger stimmte mich eine Veranstaltung in der Berliner Literatur-Werkstatt aus Anlaß seines 100. Geburtstags, gestaltet von seiner Tochter Alena, Professorin an der Kunsthochschule Leipzig, und von Gerhard Wolf, dem Herausgeber seiner Werke. Mir ist Fürnberg unvergeßlich, denn er hat mir einst geholfen, in der DDR Fuß zu fassen, wo er nach seinem Exil in Italien, Jugoslawien und Palästina seine politische und literarische Heimat gefunden hatte.

Aufgewachsen in der Tschechoslowakei hatte er dort in den Jahren 1932 bis 1936 die Agritprop-Gruppe »Echo von links« geleitet und in den folgenden Jahren aktiv am antifaschistischen Kampf teilgenommen, bis er bald nach der Besetzung durch Hitlers Wehrmacht verhaftet wurde. Unter der Folter erlitt er einen nicht mehr behebbaren Gehörschaden. Durch das mutige und finanzkräftige Eintreten seiner Frau Lotte kam er frei, konnte fliehen. Aus dem Exil kehrte er zunächst nach Prag zurück. Als Erster Botschaftsrat der Tschechoslowakischen Republik gelangte er nach Berlin – was ihm wahrscheinlich das Leben rettete, denn sonst wäre er sicher in den Sog des Slansky-Prozesses geraten, der mit der Verurteilung aller neun Juden in der 16köpfigen politischen Führung des Landes endete. Die DDR-Führung unter Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht bewahrten ihn vor der antisemitischen Justiz im Nachbarland, das SED-Organ druckte damals eine ganze Fürnberg-Seite, der Dichter erhielt in Weimar die Aufgabe des stellvertretenden Direktors der damaligen »Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur«. Er gründete die Zeitschrift Weimarer Beiträge und wurde hoch geehrt. Was er hinterlassen hat, ist ein Meisterwerk – nicht sehr umfangreich, aber äußerst dicht, vor allem seine Lyrik. Hier war er in einem Element: parteilich und formbewußt, als Gestalter fast elitär. Sein Grundthema war die Lobpreisung des Lebens und der Liebe. Als Volksdichter verbündete er sich mit dem Volk, den Namenlosen, so daß er glücklich schreiben konnte: »… daß ich zu den Namenlosen reifte,/ aus deren Träumen sich die Welt erneut«. Ein gutes Dutzend seiner Gedichte rechne ich zur hohen Nationalpoesie und würde sie in jede anspruchsvolle Anthologie aufnehmen.
Jochanan Trilse-Finkelstein


Termine
15./16. Juni, Berlin, Französische Friedrichstadtkirche: »Asyl in Europa«, Symposium mit Wolfgang Grenz, Constantin Hruschka, Karl Kopp u.a.; Kontakt: andrae@eaberlin.de
18.6., 19 Uhr, Köln, EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23: »Jugendbündische Opposition gegen den NS-Staaat«, Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Arno Klönne
19. und 20.6., jeweils 20 Uhr, Berlin, Kulturhaus Karlshorst, Treskowallee 112: »Das Leben ist gar nicht so – es ist ganz anders!«, Kurt-Tucholsky-Programm des Zimmertheaters Karlshorst
23. 6., 19 Uhr, Bremen, Villa Ichon: »Militärischer Heimatschutz und neue Sicherheitsarchitektur«, Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Rolf Gössner
24.6., 19 Uhr, Berlin, Bebelplatz, Juristische Fakultät der Humboldt-Universität: Erinnerung an zehn Widerstandskämpfer aus der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe, die mit Stolpersteinen geehrt werden
25.6., 19 Uhr, Berlin, Haus der Demokratie und Menschenrechte: Republikanische Vesper über drohende Zensur im Internet
29.6., 19 Uhr, Dortmund, ver-di-Haus, Königswall 36: »Gewerkschaften in der Krise – Krise der Gewerkschaften«, Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Arno Klönne
Red.


Feierabend

Manche liegen gern im Fenster. So mit Kissen. Damit es recht bequem ist. Damit sich keine Dellen in die Unterarme graben.

In ländlichen Gegenden liegen selten Leute in den Fenstern, weil es nicht viel zu sehen gibt. Immer nur die Nachbarn, das muß nicht sein! Im Fenster liegen ist was für Leute, die an belebten Land- oder Stadtstraßen wohnen und das Nahsehen vorm Fernsehen lieben. Leute, die aufs Selbsterleben nicht mehr so scharf sind und mit einem schönen Krach oder Krawall auf der Straße gut bedient wären. Dafür tun sie, was sie noch tun können: Sie liegen im Fenster und lassen das Leben laufen, rennen, rasen.

Hat man das so im Sinn, schockiert eine Nachricht, die direkt vom Flughafen Berlin Brandenburg International kommt. Die Forcierer des Flughafens verkünden: »Bauarbeiten liegen im geplanten Zeitfenster.« Donnerwetter! Was ist ein Zeitfenster? Wieso haben die Bauarbeiten so viel Zeit, sich in ein Fenster zu legen, ein geplantes? Warum tun sie das? Um den ruhenden Bauarbeitern zuzuschauen? Nach 1000 Tagen ununterbrochener Arbeit wäre denen etwas Ruhe wahrlich zu gönnen. Die letzten Optimisten unter den Flughafengegnern könnten noch einmal aufatmen. Und auch die Hoffnung hegen, die Bauarbeiten blieben für alle Zeit im Fenster liegen.
Bernd Heimberger


Press-Kohl
Im Berliner Kurier war nicht nur zu lesen, daß der Friedrichstadtpalast seit 25 Jahren existiert, sondern auch, daß dort ein Tag der offenen Tür stattfand. Die Besucher durften die fast 2800 Quadratmeter große Bühnenfläche bewundern, außerdem gab es »Shows, Speis und Trank und eine Verlose«.

Bei einer Verlose kann man lose Lose erwerben und, falls es sich um eine Tombolaverlose handelt, im Glücksfalle etwas gewinnen, beispielsweise einen Stoffhund zum Aufziehen, gefüllte Bonbons oder als Souvenir fürs Vertiko eine fast vier Quadratzentimeter große Bühnenfläche.

Als die Journalistin Brigitte Fehrle (Berliner Zeitung) von der Erfindung der Verlose erfahren hatte, begab sie sich in ihr kleines Sprachlabor und gestaltete folgende Sätze: »Seit am Ostersonntag in Potsdam ein aus Äthiopien stammender Mann (…) brutal zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt wurde, erleben wir eine merkwürdige Aufgeregtheit (…) Die Empörung galt der Tat, aber mehr noch dem Tatmotiv, das alle unzweifelhaft in rechtsradikaler Gesinnung verorteten.«

Erst blitzten die Verlose durch das Dunkel der Nacht. Nun blendet uns die Verortung. Das »Orten« nennt man das Ermitteln oder Bestimmen einer Position. Das besorgt ein Orter oder Peiler, falls er nicht gerade auf dem Örtchen weilt. Aber ein Verorter? Scheint die Bezeichnung für Leute zu sein, die nicht gerade für Klarheit sorgen.

Möglicherweise hat sich Frau Fehrle in ihrem kleinen Sprachlabor ein bißchen verpeilt.
Felix Mantel