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Titel1312

Bemerkungen

Schönheit und Ordnung
Einer der Edel-Läden, die sich im Bankenviertel von Frankfurt am Main immer breiter machen. Sein Name klingt italienisch. Die Einrichtung scheint zugleich die Ausstellung zu sein – oder umgekehrt. Dunkle Hölzer, einfache rechteckige Formen, mittendrin eine große helle Wanne aus Stein oder Kunststoff. An einem Tisch schwarz Gewandete, ein paar jüngere Frauen im Kostüm. Sparsame Gesten und Gespräche. Mit spitzen Stäbchen nehmen sie Sushi-Happen auf, nippen am Sekt. Alles spielt sich hinter den Scheiben wie in Zeitlupe ab. Nur die Bedienerin huscht hin und her, bringt etwas und serviert etwas ab.

Eine Wand des Ladens fällt aus dem Rahmen. Rauher Putz mit tiefen Furchen und Zwischenräumen, als ob dort Kacheln angebracht gewesen wären oder angebracht werden sollen. Von den Handwerkern hingekritzelte Nummern, Pfeile in verschiedene Richtungen. Das sieht spannender aus als alles andere hier, fast wie Kunst. Doch dieser Verdacht darf nicht aufkommen. Deshalb das Hinweisschild in vornehmem Englisch: »under construction«. Damit jeder weiß, daß auch dort bald wieder Ordnung und Schönheit herrschen werden.

Reiner Diederich


Der Sozialstaat war’s
Berthold Kohler, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen, trauert um die kleine Bäckerei nebenan, die bisher »Nervennahrung« für die Redaktionskonferenzen bot. Ohne ihren Bienenstich wäre so manche Glosse wegen Unterzuckerung nicht verfaßt worden. Nun hat sie dicht gemacht, »den Stecker des Backofens gezogen«. Das Geschäft lohnt nicht mehr.

Woran liegt das? Hat »der Markt«, den Kohler doch so schätzt, den backenden Handwerker verdrängt? War es die Brotfabrik, die Konzentration, das größere Kapital? Das kann, das darf nicht sein. Zu lernen ist an diesem Exempel vielmehr: »wie der deutsche Sozialstaat Ein-Mann-Firmen die letzte Luft nimmt«. Und so kann auch der einzelhändlerische FAZ-Leser bei seinem Glauben bleiben: Wenn sich nicht die öffentliche Hand unsinnigerweise immer noch sozialpflichtig verhielte, dann könnten selbst die Tante-Emma-Lädchen angstfrei ihre Geschäfte machen. Darum: Weg mit dem Sozialen am Staat – und schon hat Kohler wieder sein Backidyll.
Marja Winken


Computer und Grundeinkommen
Unserer Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus, genauer: die bezahlte. Ließ man in früheren Zeiten Menschen mit mechanischen Webstühlen konkurrieren, sind es heute die Fähigkeiten von Denkarbeitern, wettlaufend mit EDV-gestützten Systemen um höhere Profite. Die klaren Sieger solcher Automatisierung standen und stehen im voraus fest. Die Folge: »Humankapital« zahlt sich zunehmend weniger aus; die Renditen werden heute immer mehr von vernetzten Rechnern erwirtschaftet. Frank Rieger, einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs, hat in einem Manifest in der FAZ in Anbetracht dieser Entwicklung gefordert, eine Automatisierungsdividende auszuschütten, die allen zugute kommen soll. Zugespitzt: Computer erwirtschaften ein allgemeines Grundeinkommen. Verbunden damit wäre eine fundamentale Neudefinition von Arbeit: Hoch sinnvolle soziale, kulturelle, stadtteilbezogene, ökologische Tätigkeiten könnten ohne Zwang zur Profitmaximierung geleistet werden und erführen gleichzeitig die ihnen gebührende gesellschaftliche Wertschätzung.

Dem Autor des Manifests ist bewußt, daß wir uns technologisch in einer Übergangsgesellschaft befinden. Wirtschaftsjournalisten schreiben ihre Handelsberichte noch selbst, noch gibt es die Kassiererin (oder den Kassierer) im Warenhaus.

Riegers Forderung nach Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens sollte nicht in einen Gegensatz gebracht werden zu der nach auskömmlichen Mindestlöhnen. In vielen Branchen bleiben menschliche Hand- und Kopfarbeiter vorerst gefragt. Sollte aber in absehbarer Zukunft ein Grad der Automatisierung erreicht sein, der zur »Freisetzung« – und das heißt in aller Regel: Prekarisierung – von immer mehr Lohnabhängigen führt, wäre ein allgemeines Grundeinkommen sicher unabdingbar, um die Gesellschaft nicht vollends auseinanderbrechen zu lassen. Und irgendjemand muß die produzierten Güter und Dienstleistungen ja auch noch nachfragen können. Ausgenommen vom Sog der Technisierung ist prinzipiell keine Berufsgruppe.
Carsten Schmitt
*
Angesichts wachsender Jugendarbeitslosigkeit, die in Spanien und Griechenland jetzt schon 50 Prozent beträgt, müssen wir dringend über solche Vorschläge diskutieren. Ich bleibe bei dem, den mehrere Ossietzky-Autoren seit Jahren – anfangs mit geringem Echo – dargelegt haben: Verkürzung der wöchentlichen Erwerbsarbeit auf je sieben Stunden an vier Tagen bei vollem Lohnausgleich. Daß eine solche dem Produktivitätsfortschritt entsprechende Arbeitszeitverkürzung notwendig und finanzierbar ist, hat die Memorandum-Gruppe kritischer Wirtschaftswissenschaftler schon vor Jahren vorgerechnet. Gegen eine solche Reform sprechen nur Machtinteressen des Kapitals, sie wäre also nicht ohne harte gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu haben.

Heinz-Josef Bontrup und Mohssen Massarrat haben im vergangenen Jahr in einem Ossietzky-Sonderheft die 30-Stunden-Woche propagiert. Schon dadurch ließe sich die Massenarbeitslosigkeit bannen (wesentlich kleinere Schritte dagegen brächten nur geringen Nutzen). Nach kräftiger Arbeitszeitverkürzung könnten sich solche Vorschläge wie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens erübrigen.
E.S.

Lernbereitschaft
»Wir müssen Parlamentarismus lernen«, sagt Bernd Schlömer. Und wozu? »Ich glaube, daß die Piraten, auch die Gesamtpartei, mittelfristig Regierungsverantwortung übernehmen können. Man nimmt ja an Wahlen teil, um auch Verantwortung übernehmen zu wollen.« Offenbar ist dem obersten deutschen Piraten der Gedanke fremd, daß längerfristige Opposition verantwortliche Politik sein kann. Daß es gar politisch unverantwortlich sein könnte, eine Partei darauf auszurichten, möglichst bald mitzuregieren.

Ob er selbst ein Bundestagsmandat anstrebe, wurde Schlömer gefragt, ob ihn »die Gestaltungsmöglichkeiten im Parlament reizen« würden. »Nein«, antwortete er.
Muß er denn nichts lernen?

Er hat schon ausgelernt, ist Ministerialbeamter im Bundesverteidigungsministerium. Für ein Regierungsamt käme er also in Betracht – mittelfristig.
Peter Söhren


Krisenmanagement
Der Euro steckt in einer Krise.
Nach meiner Überzeugung gilt
als mitverantwortlich das miese
papierene Erscheinungsbild.

Auf keinem Schein, an keiner Stelle
glänzt eine Top-Persönlichkeit,
Baroso nicht, nicht Westerwelle,
und deshalb macht sich Mißmut breit.

Ins Bild des äußeren Gewandes
gehört eine Persönlichkeit,
die Grundwerte des Abendlandes
auf jedem Geldschein konterfeit.

So könnten etwa Schäuble passen
und Kohl, der Euros Loblied singt.
Man könnte sie erklären lassen,
per Untertext, daß Geld nicht stinkt.

Heinz Ehrhardt käme auch in Frage,
der gern das Wort im Mund verdreht,
und Komiker vom gleichen Schlage,
daß uns das Lachen nicht vergeht.

Auf Hunderteuroscheinen käme
man um Frau Merkel nicht herum.
Für Zwanzigeuroscheine nähme
man das Gesicht von Heidi Klum.

Frau Schäfer wäre auch passabel,
die jüngst als kultureller Star
mit nacktem Po und blankem Nabel
im Dschungelcamp zugegen war.

So ist der Euro aufzupeppen
im Stil gehobenen Geschmacks.
Das hilft den Banken, uns zu neppen,
und stärkt den DAX.
Günther Krone


Massakermißbrauch
25. Mai: Im syrischen Ort Hula werden an die hundert Menschen umgebracht, Zivilisten darunter, Frauen und Kinder. Ein massenmedialer Aufschrei geht durch die Weltöffentlichkeit: Assad, der brutale Herrscher, massakriere sein eigenes Volk. Keinerlei Zweifel bestehe daran, daß die Verantwortung für diese »Massenhinrichtung« bei dem despotischen Regime liege. Jetzt sei es endgültig an der Zeit, daß die NATO militärisch eingreife. In diese Anklage und Aufforderung stimmten nahezu alle deutschen Zeitungen ein, von Bild über die taz bis zu den Heimatzeitungen .

8. Juni: Die Frankfurter Allgemeine, jeder Sympathie für Assad unverdächtig, informiert über »Erkenntnisse zum Massaker von Hula«. Ganz beiläufig geschieht das, ohne jede Hervorhebung. Berichtet wird aufgrund glaubwürdiger Aussagen: Die Opfer in Hula waren regimefreundliche alawitische und schiitische Familien in diesem Ort, Angehörige der lokalen Minderheiten. Die Täter waren sunnitische »Rebellen«, Regimegegner also, die über Videos im Internet ihre eigene Brutalität in propagandistischer Falschdarstellung zu politischer Wirkung brachten.

Zweifellos setzt die Regierungsseite in Syrien Gewalt ein. Ebenso steht außer Zweifel, daß die »Rebellen« es nicht anders halten und daß Interessenten außerhalb des Landes sie zu diesem Zweck mit Waffen und Finanzen ausgestattet haben. Ein Bürgerkrieg also, angeheizt und instrumentalisiert von externen Mächten. In diese Konfliktlage ordnet sich der mediale Mißbrauch des Massakers ein: einseitig, parteiisch, humanitäre Motive vortäuschend, zur Kriegsbereitschaft anfeuernd.

Wir warteten ab, ob nun die Zeitungen die Vorgänge in Hula noch einmal aufgreifen würden, berichtigend, vielleicht gar darüber nachdenkend, wie denn ihr Bild vom Massaker zustandegekommen war und welche Irrtümer beim Publikum es erzeugte. Ein Glaubwürdigkeitstest sozusagen. Er ging negativ aus. Ein Massaker ist medialer Aufmerksamkeit nur wert, solange es ins vorgefaßte Urteil paßt und dieses bestätigt.
M. W.

»Besatzung schmeckt bitter«
Die Nahost-Kommission der katholischen Friedensbewegung pax christi fordert die Kennzeichnung von Obst und Gemüse aus den völkerrechtswidrigen Siedlungen in Palästina. In Großbritannien besteht die Kennzeichnungspflicht schon seit Jahren. Pax christi erläutert: »Israelische Siedlungen in der Westbank und in Ostjerusalem sind ein Haupthindernis auf dem Weg zu einem gerechten Frieden in Nahost. An der Aufklärungsaktion »Besatzung schmeckt bitter« beteiligen sich auch Fanny-Michaela Reisin (Internationale Liga für Menschenrechte), Andreas Buro, Mathias Jochheim und Rupert Neudeck.
Red.


Österreich unter Standrecht 1934
Anders als in Deutschland setzten sich in Österreich sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter bewaffnet gegen den europaweiten Siegeszug des Faschismus zur Wehr. Ihre Erhebung im Februar 1934 endete nach drei Tagen mit einer Niederlage. Der im Jahre 1991 verstorbene österreichische Kommunist Karl Wiesinger erlebte im Alter von elf Jahren die brutale Niederschlagung des Aufstandes. Sein dokumentarischer Roman »Standrecht« schildert die damaligen Geschehnisse aus der Sicht des Bierbrauers Martin und seiner Verlobten Anna. Die Handlung setzt ein, als Martin Zeuge eines Übergriffs der reaktionären »Heimwehr« wird, dem sozialdemokratischen »Schutzbund« beitritt und seine Arbeit verliert. Die völlig unpolitische Anna reagiert zunächst verständnislos auf sein Engagement, erwartet sie doch ein Kind von ihm.

Auslöser des Aufstands ist ein Brief des Schutzbundführers Richard Bernaschek, der für den Fall von Verhaftungen führender Funktionäre bewaffneten Widerstand ankündigte. Eine hinhaltende Antwort der sozialdemokratischen Parteiführung wird vom Staatsschutz abgefangen, Bernaschek verhaftet.

Als Kurier der Wiener Aufständischen erlebt Martin die Konfusion der führerlosen Erhebung. Gewerkschaftsführer bemühen sich erfolgreich, den Generalstreik zu unterbinden. Es hängt von der Entscheidung örtlicher Funktionäre ab, ob sie das Signal zur Erhebung weitergeben oder nicht. Die meisten tun es nicht.

Die Gegenseite handelt dagegen schnell und entschlossen, mobilisiert Bundesheer, Gendarmerie und Heimwehr, die die Nester der Erhebung einkreisen. Geschützfeuer fegt Barrikaden hinweg, legt Gemeindequartiere in Trümmer, in denen Arbeiterfrauen mit Küchenmessern und Bügeleisen dem anrückenden Bundesheer entgegentreten. Nach offiziellen Angaben sterben etwa 200 Aufständische während der Kämpfe. Der klerikalfaschistische Kanzler Engelbert Dollfuß verkündet das Standrecht. Schutzbundführer werden hingerichtet, gefangene Arbeiter in Lagern interniert.

Wiesinger läßt den sozialdemokratischen Abgeordneten Koloman Wallisch zu Wort kommen, der als einer der wenigen SDAP-Führer bis zum bitteren Ende an der Seite der Aufständischen bleibt. Dafür ist er einer der ersten, die dem Wüten der Standgerichte zum Opfer fallen. Bertolt Brecht setzt ihm später mit seiner Koloman-Wallisch-Kantate ein literarisches Denkmal. Martin, der Romanheld, kann aus Wien flüchten, entgeht so der Verhaftung. Trotz der Niederlage bleibt ihm die Überzeugung, daß »der Sozialismus unbedingt über Mörder und Ausbeuter, Betrüger und Frauenschänder, Bücherverbrenner und Judenhasser, Zuhälter und Bordellbesitzer, über Fabrikanten und Kaufleute siegen« werde. Wie viele andere überlebende Aufständische kehren Martin und Anna der Sozialdemokratie den Rücken und schließen sich der im Untergrund agierenden KPÖ an – was sich hier nicht als grobgestrickte Parteiwerbung liest.

Vom Widerstand gegen den austrofaschistischen Ständestaat und den Anschluß Österreichs ans Hitlerreich handelt Wiesingers nächster Roman »Achtunddreißig«. Auch er ist im Promedia-Verlag neu erschienen.
Gerd Bedszent

Karl Wiesinger »Standrecht«, Roman, Promedia Verlag, 208 Seiten, 19,90 €



Der Doktor und sein Adlatus
Der noch nicht dreißigjährige Jura-Student André Thiele schrieb in Sachen Saul Ascher an den Dichter Peter Hacks. Der antwortete, und bald bot der Jüngere seine Dienste an, für den »Meister« in Bibliotheken und Archiven zu recherchieren, was der alles an Büchern, Zitaten, Daten, Auskünften gerade suchte. Und das war eine Menge! Schrieb doch Hacks gerade sein Pamphlet »Zur Romantik«, und da brauchte er solide Auskünfte sowohl über kiffende Dichter aus der Weltliteratur als auch über ein Lob Hermlins auf Tiecks »Blonden Eckbert« und viele Details, die einen gewöhnlichen Sterblichen nicht besonders interessieren beziehungsweise nach denen er nie suchen, geschweige denn sie finden würde. Hacks forderte, und Thiele lieferte. Listen mit Quellen, Pakete voller Bücher, Kopien. Später gerieten auch eigene Ansichten in die Briefe. Politik, Klatsch, die holden »Liebsten«. Einige Male »watschte« der »hochverehrte Herr Doktor« den Adlatus ab, aber der lernte und lebte sich hinein in die Hacks-Welt (und wurde später ein Verleger mit einem renommierten linken Programm). Damals aber: Keine politische Meinung des Verehrten, die er nicht bewunderte, kein neuer Text, der nicht gefeiert wurde. Auch bei späteren Arbeiten nutzte Hacks die Hilfe Thieles. Und war »gnädig«: Der junge Mann bekam die neuesten Bücher mit erklecklichen Widmungen und Briefe, die ihn als einen »Bevorzugten« ausweisen. Thiele besorgte auch die Festschrift zum 75. Geburtstag des Dichters.

Der Briefwechsel ist für Hacks-Forscher ein »Muß«. Andere potentielle Leser mögen abwägen, wie groß ihr Spaß am Geistreichen und der ziemlich eigenen Sprache zweier kluger, nicht uneitler Köpfe ist, die der übrigen Welt zu trotzen versuchten.
Christel Berger

Felix Bartels (Hg.): »Der Briefwechsel zwischen Peter Hacks und André Thiele 1997–2003«, Eulenspiegel Verlag, 512 Seiten, 24,95 €



Walter Kaufmanns Lektüre
Marion Brasch hält den sehr eigenen Sound von der ersten bis zur letzten Seite ihres Romans einer »fabelhaften Familie« durch, und wer da meint, sie schriebe oberflächlich, verkennt sie total. Sparsam, klar, schnörkellos wären zutreffende Beiworte gewesen. Das Buch ist spannend, und eine Menge erschließt sich zwischen den Zeilen. Obwohl die Autorin »Ab jetzt ist Ruhe« einen Roman nennt, meint man eine Autobiographie zu lesen – und das ist es wohl auch. Viele DDR-Bürger werden von dem Vater wissen, der aus der Emigration zurückgekehrte und in ihrem Staat höchste Ämter bekleidete; sie werden zumeist auch von den drei Söhnen wissen, die ihre mutwilligen Wege gingen, weg vom Elternhaus und der väterlichen Denkungsart, und sich als Künstler in Ost und West einen Namen machten. Und wird auch nur wenigen die Mutter und Tochter bekannt sein, in den Seiten dieses Buches werden sie erlebbar, besonders die Tochter, und nacherlebbar wird, wie jede auf ihre Weise mit der jüdischen Herkunft umgeht, und warum sie – was auch auf alle anderen im Buch zutrifft – in den jeweiligen Lebenslagen so und nicht anders handelten. Ihre Konflikte überzeugen, es waren die Konflikte vieler Menschen in der DDR, und indem Marion Brasch diese Konflikte aufzeigt, durchleuchtet sie das Leben im Osten bis hin zum Mauerfall. Sehr suchen müßte man, um die Berliner Nachwende-Atmosphäre so plastisch dargestellt zu finden wie in diesem Buch: das rastlose Treiben auf den Bahnhöfen, Plätzen und Straßen – vietnamesische Zigarettenverkäufer, polnische Händler, russische Musikanten ... und zu all dem das bunte Leben am Prenzlauer Berg! Und wie die Brasch mit wenigen Strichen ihr Manhattan-Erlebnis zu Papier bringt, sparsam auch hier, dabei so detailgetreu, daß sich New York in the round erahnen läßt. Und diese Frische, dieses Sich-nicht-unterkriegen-Lassen der jungen Erzählerin, und wie sie die Männer in ihr Leben läßt und wieder freigibt, wenn ihr selbst nach Freiheit ist – oft, jedoch nicht bei diesem einen, sie aber auch ohne diesen einen zu ihrer Schwangerschaft steht, sie glücklich wird mit ihrer kleinen Tochter und mit ihr das Leben nicht schlechter meistert als zuvor – alle Achtung! Und auch für ihren, bei allen Differenzen, liebevollen Umgang mit dem Vater und den selbstbewußten Umgang mit den scheinbar so überlegenen Brüdern. Autobiographie oder Roman – dies ist ein Buch voll prallen Lebens ist. Und mitreißend bis zum Schluß.
W. K.

Marion Brasch: »Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie«, S. Fischer Verlag, 398 Seiten, 19,99 €


Nachschläge
Seit dem Erscheinen der ersten Bände des biografischen Nachschlagewerks »Diccionario Biográfico Español« wird berechtigte Kritik an der beschönigenden Darstellung der Franco-Diktatur laut. Die unrühmliche Rolle des Militärs und der Kirche wie auch Francos eigene Rolle werden unhistorisch beschrieben, und die Autoren vermeiden es, den Diktator und sein Regime als faschistisch zu bezeichnen. Zum Militärputsch von Juli 1936 heißt es: »Francisco Franco wurde für den kalten Mut, den er auf dem Schlachtfeld zeigte, bald berühmt.« Der Verfasser solcher Jubel-Zeilen gehört der Francisco-Franco-Stiftung an, die das Erbe des Diktators pflegt. In dem auf 50 Bände angelegten Geschichtswerk liest man auch Skurrilitäten wie die, daß der Gründer des Opus Dei, Josemaría Escrivá de Balaguer, seine Befehle direkt von Gott erhalten habe.

Verantwortlich als Herausgeberin ist die Königliche Geschichtsakademie. Die 1999 begonnene Arbeit wird mit öffentlichen Geldern finanziert. Eine Mehrheit des Cortes, des spanischen Parlaments, forderte im vergangenen Jahr Korrekturen und beschloß, vorerst keine öffentlichen Mittel mehr zur Verfügung zu stellen. Die Abgeordneten des konservativen Partido Popular enthielten sich der Stimme. Nach dem Regierungswechsel im Herbst 2011 entschied sich jedoch der neue Kulturminister José Ignacio Wert (Partido Popular) für die Weiterfinanzierung; er verkündete, daß er 30 Eintragungen teilweise »gründlich« überarbeiten lassen wolle. Namhafte Historiker wie Santós Julia und Paul Preston blieben bei ihrer Forderung, die spanische Geschichtsschreibung von der Franco-Ideologie zu befreien. Wann und wie das gelingen wird, ist noch nicht absehbar.
Karl-Heinz Walloch

Kisch in Leipzig
In Leipzig gibt es einen kleinen Verlag mit dem schönen langen Namen Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke. Hier erscheint, herausgegeben von Wolfgang U. Schütte, eine Reihe mit dem nüchternen Titel: »Fundsachen«. Die Auflagen sind bescheiden. Aber großartig sind diese bibliophilen Besonderheiten für Kenner und Liebhaber. Das neueste Heft ist Egon Erwin Kisch gewidmet. Der Leipziger Publizist Edmund Schulz, Ossietzky-Lesern als gelegentlicher Autor bekannt, hat Kischs Reportagen aus Leipzig für dieses Heft zusammengestellt. Dazu hat er ein Vorwort verfaßt voller erstaunlicher Informationen über Kischs Aufenthalte in der Messestadt, über die Hintergründe und Zusammenhänge dieser Reportagen.

Nachdem Kisch im November 1921 nach Berlin übergesiedelt war, machte er sich im Laufe der Jahre mehrfach in unterschiedlicher journalistischer Mission auf die Reise nach Leipzig. Ergebnisse seiner Recherchen sind Texte, die in der Mehrzahl zuerst entweder in der Berliner Wochenschrift Das Tagebuch seiner Freunde Leopold Schwarzschild und Stefan Großmann, in Carl von Ossietzkys Weltbühne oder im Leipziger Tageblatt veröffentlicht wurden, bevor einige von ihnen, mitunter überarbeitet, in Sammelbände eingingen. Das Leipziger Tageblatt unter Leitung von Verlagsdirektor Siegmund Blau vom Prager Tagblatt – bei dem Kisch 1906 als Volontär in den Journalismus gestartet war – hatte den »Rasenden Reporter« in der Ausgabe vom 24. März 1925 mit einem Beitrag über das seit 1916 bestehende erste deutsche Institut für Zeitungskunde als neuen Autor angekündigt: Er werde in gemessenen Abstanden »über wesentliche Leipziger Dinge berichten«.

Die Fundsachen, die Schulz in dem Heft versammelt hat, beginnen mit »Ein sächsischer Karl Moor«. Das ist ein Bericht über den Räuberhauptmann Johannes Karasek aus Smichov bei Prag, der vom Schöffenstuhl zu Leipzig am 24. Mai 1802 zum Tode durch den Strang verurteilt worden war, bevor er zu lebenslänglicher Festungshaft in Dresden begnadigt wurde. Unter den weiteren Beiträgen befinden sich »Im Elternhaus der Reclam-Bändchen«, »Die Giftschränke der Deutschen Bücherei« und »Der Brühl in Leipzig«.

Die Publikation ist nobel gestaltet, im Gegensatz zur Metallklammer-Bindung der bisherigen »Fundsachen« mit einer feinen Fadenbindung versehen – in Rot.
Klaus Haupt

Edmund Schulz (Hg.): »Leipziger Reportagen von Egon Erwin Kisch«, Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke, 31 Seiten, 12 €



Zuschriften an die Lokalpresse
Peinlich, daß Entwicklungsminister Niebel einen afghanischen Teppich in sein Mutterland geschmuggelt hat, noch dazu auf BND-Chef Schindlers Liste!
Da hat die Presse nach den vielen Politiker-Affären endlich was Neues fürs Sommerloch! Und gerade Niebel hatte doch am Beispiel Wulffs besonders markig auf die Vorbildwirkung von Politikern bei der Einhaltung von Recht und Gesetz hingewiesen! Das kann er in seinem Falle nicht untern Teppich kehren, nicht mal unter einen afghanischen! – Klara Vorbringer (42), Hausdame, 07922 Zollgrün
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Den Anhängern der Monarchie und mir sind nach einer Mitteilung der Berliner Morgenpost die Steine vom Herzen gepurzelt. In der Rubrik »Aus aller Welt« teilt die Zeitung mit, daß Prinzgemahl Philip seine Blasenentzündung anläßlich des Thronjubiläums der Queen beendet hat und trocken aus dem King-Edward-Hospital entlassen werden konnte.

Nicht genug damit enthüllte das Blatt noch weitere Interna: »Auf die Frage von Journalisten nach seinem Wohlbefinden nickte er mit dem Kopf.«

In einer Zeit, in der zahlreiche Politiker dadurch auffallen, daß sie viel reden und wenig sagen, hat Elisabeths Gatte durch seine sparsame Bewegung mit einem dafür geeigneten Körperteil auf eine besorgte Frage treffend reagiert und damit ein Beispiel für aussagestarke und überzeugende Antworten geliefert. – Edelfried v. Stoltze (82), Liegenschaftsverwalter i.R., 55286 Sulzheim
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Wie die Oranienburger Ausgabe der Märkischen Zeitung berichtete, bereisten deutsche Experten unter Leitung des Wirtschaftsministers und Vizekanzlers Philip Rösler dieser Tage Saudi-Arabien und verhandelten über Leistungen zum gegenseitigen Nutzen. Gleichzeitig befürwortete der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer, deutsche Panzerexporte an die absolute Monarchie, die sich in einer Spannungszone zwischen Ägypten, Syrien, Iran und anderen Staaten befinde.

Ich freue mich sehr über die Weitsicht unserer Wirtschaftsexperten, die mit ihren saudiarabischen Partnern auch über die Lieferung von Klinikausrüstungen und Medizintechnik verhandelten. Die Panzer könnten bei ihren Offensiven auf Minen fahren. Oder würden etwa auch die Opfer saudi-arabischer Panzer-Offensiven medizinisch behandelt? Zum Beispiel antimonarchistische Demonstranten in Bahrein, wo die Saudis jetzt für die hergebrachte Ordnung sorgen? Oder Syrer? Wäre das sinnvoll? – Aribert Anschütz (51), Wirtschaftsberater, 76530 Baden-Baden
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»Dit ist Berlin« untertitelt der Berliner Kurier vom 9. Juni ein Foto, auf dem ein splitternackter Mann in der U-Bahn-Linie 9 abgebildet ist. Der einzige Gegenstand, den er bei sich hat und ab und zu zum Munde führt, ist eine Bierflasche, nach dem Handy das wohl beliebteste Accessoire der hauptstädtischen Nahverkehrsreisenden. Die Feststellung »Dit ist Berlin« halte ich allerdings für übertrieben. Oder bezieht sie sich auf die Bierflasche? Die sollte nicht unbedingt Beiwerk eines nackten Mannes sein! Und er sollte wenigstens einen gültigen Fahrausweis bei sich haben, egal, wo! – Minna Milbradt (46), Hausfrau, 13587 Berlin-Hakenfelde
Wolfgang Helfritsch