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Titel1412

Zensur mit Alpenblick  (Matthias Biskupek)

Am Starnberger See siedelt viel Geld. Und die Evangelische Akademie Tutzing. In das weißgoldne Schloß mit modernen Anbauten auf computergepflegtem Rasen war eingeladen worden über »Literatur. Zensur. Verfolgung. – Die Freiheit des Wortes, der Kunst und das Wüten der Macht« zu diskutieren. Der Mitveranstalter PEN-Zentrum Deutschland »gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller« (laut Selbstdefinition), konnte sich also selbstverständlich mit Referenten und Diskutanten einbringen – zumal rund um den Starnberger See auch allerlei PEN-Mitglieder siedeln. Mit Haupt- und Nebenwohnsitzen.

Die Tagung hatte Haupt- und Nebenreferate, Vieldiskutierer und schweigende Teilnehmer – die Welt-Zensur-Situation ist damit analog umschrieben. Als Thomas Rothschild in seinem Vortrag den Bogen »Von der paternalistischen zur strukturellen Zensur« spannte – und er »Zensur« ganz allgemein als »Verhinderung von Öffentlichkeit« definierte, gab es Widerspruch: Wie könne man eine Zensur des Marktes – die ja auch Öffentlichkeit verhindert – mit den Verfolgten in China, Iran und Syrien vergleichen.

Merke: Wenn von Zensur in dieser Zeit gehandelt wird, müssen unbedingt diese drei Länder vorkommen. Als Spitze des Eisbergs beziehungsweise – für Syrien im Bilde zu sprechen: als Wüste in fruchtbaren Medien. Daß die gar siegreichen Revolutionen von Tunesien bis Ägypten zu Zensur und Verfolgung führ(t)en, darf nur als Nebenkriegsschauplatz gelten.

Oder nehmen wir Zensur, sprich die Inquisition der katholischen Kirche. Dazu war Hans Küng geladen worden – mit seinen »Einschlägigen Erfahrungen eines Zensierten«. Nun hat Küng bei vielen Teilnehmern, den Oberstudienräten i. R., den Sozialpädagoginnen und Schulpfarrerinnen, die zu derlei Tagungen kommen, Kultstatus. Unsereinem hingegen kamen Küngs hübsch schweizerisch gefärbte, taggenaue Erinnerungen vor, als ob alte kommunistische Parteifunktionäre darüber plauderten, wie sie beim Parteitag ins Kommunique ein »auch« hineinschmuggeln konnten und hernach frech in der kommunistischen – also päpstlichen – Glaubenskongregation saßen und mutig sprachen: Ich trinke aqua minerale senza gas, ich kann nit anders.

Wunderbar in solche Diskussion passen »Zensur und Selbstzensur in der DDR«. Frank Hörnigk, bereits in der DDR zum Professor berufen, sprach langsätzig – wie es Professoren geziemt – zu einem nicht ganz einfachen Thema. Denn der Autor in dieser Gesellschaft wurde zur Mittäterschaft angehalten; Verfolger und Verfolgte erscheinen ganz und gar nicht wie in der preußischen Schlachtordnung. Prompt hörte Hörnigk den Vorwurf: Sie haben die Stasi gar nicht berücksichtigt.

Merke: Wer zur DDR spricht und nicht zuvorderst »Stasi« raunt, verfehlt sein Thema. Gert Heidenreich hingegen lieferte eine humoristische Arabeske: Ein in der ehemaligen BRD verlegtes Buch von ihm, das auch in der DDR erscheinen sollte, wurde zensiert. Durch Auslassungen. Nun bat er, das durch Pünktchen zu kennzeichnen. Wie einst bei Christa Wolfs »Kassandra«. Man beschied: Auslassungspunkte sind allein autochthonen DDR-Autoren vorbehalten.

Schließlich kam »Unbegrenzte Freiheit im Netz?« zur Sprache. Julius Mittenzwei, ein Mann vom Chaos Computer Club, hantierte mit allerlei Fachwortgut – stutzte aber und suchte hilflos nach deutschen Worten, wenn er den Ruheständlern »Input«, »Browser« oder »Tools« übersetzen sollte. Ein hübsches, selbstverständlich nimmer »Zensur« heißendes Beispiel aus den USA: Zeitungs-Apps von Bild gibt es deshalb nicht, weil man die Nackerten einer puritanischen amerikanischen Netzgemeinde nicht zumuten kann. Apropos: Sowohl für Zensur als auch für die Umgehung der Zensur benötigt man spezielle Internet-Werkzeuge – um mal nicht »Tools« zu sagen. Die aber kommen aus den gleichen oder gar selben westlichen Werkstätten. Sprich: Die Zensur in China (um noch einmal dieses Land zu zitieren) kann nur mit amerikanisch-westlicher Hilfe gedeihen.

Daß aber unsere ganze Zivilisation, von den europäisch-griechischen Ursprüngen bis zur modernen Mediendemokratie sprachlich die Zensur befruchtet, ist in der hübschen Wortschöpfung »Bundestrojaner« zu erkennen. Ob unter deutschen Alpen oder südlichen Palmen – Bundestrojaner unterwandern uns so unmerklich, bis wir glauben zu wissen, was wir nicht wissen und glauben dürfen.