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Stuttgarter Streßtest-Schwindel  (Hans Krieger)

Nach dem sogenannten Streßtest müßte »Stuttgart 21« erledigt sein. Jedenfalls für jeden, der seinen Verstand beisammen hat. Gerade mal »befriedigend« lautet das Urteil der renommierten Schweizer Beratungsfirma SMA über das – von der Bahn AG errechnete – Testergebnis. »Befriedigend« hieß nämlich vor wenigen Jahren noch die Bewertungsstufe, die inzwischen in »wirtschaftlich optimale Qualität« umgetauft wurde. Das hört sich großartig an, besagt aber nicht mehr als: gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bei herabgesetztem Qualitätsanspruch.

Gravierender ist: Die angebliche dreißigprozentige Leistungssteigerung gegenüber dem Kopfbahnhof (49 abgefertigte Züge pro Stunde statt 37) kommt durch einen Trick zustande: Verglichen wurde nicht mit der vollen Kapazität des Kopfbahnhofs, sondern mit seiner derzeitigen Auslastung. Tatsächlich bewältigt der Kopfbahnhof locker 55 Züge pro Stunde und hat das in früheren Jahren schon bewiesen. Er ist zudem noch ausbaubar; ein unterirdischer Bahnhof läßt sich dagegen kaum erweitern.

Wer sein Haus abreißen und neu bauen läßt, weil er um 30 Prozent mehr Platz haben will, und dabei völlig übersieht, daß er in ungenutzten Räumen noch 50 Prozent Reserven hätte, würde für verrückt erklärt. Genau das tun die Betreiber von »Stuttgart 21«. Ein vielbewunderter, optimal funktionsgerechter Bahnhof soll mit Milliardenaufwand beseitigt und durch etwas weitaus Schlechteres ersetzt werden. Nicht nur in Zeiten der Überschuldung und des Sparzwanges ist das weit jenseits des Verantwortbaren. Offiziell belaufen sich die Kosten auf 4,1 Milliarden, doch dieser Betrag wurde künstlich heruntergerechnet von bahnintern zunächst ermittelten 4,9 Milliarden. Der Bundesrechnungshof hat der Bahn manipulierte Kalkulation vorgeworfen und eine Summe von deutlich über fünf Milliarden errechnet; manche Experten schätzen die Kosten noch weit höher ein.

Zehn Stunden dauerte die Präsentation und reichlich konfuse Diskussion des Streßtests im Stuttgarter Rathaus unter der geschwätzigen und nicht immer ganz fairen Moderation des »Schlichters« Heiner Geißler, der sich unlängst in einem Zeitungsinterview als überzeugter Befürworter von »Stuttgart 21« geoutet hat. Am Abend verblüffte Geißler mit einem »Friedensplan«: Der Regionalverkehr soll mit zwölf Gleisen oben bleiben, der Fernverkehr mit vier Gleisen unter die Erde kommen. Der Knackpunkt: Planung und Genehmigungsverfahren müßten neu beginnen. Weswegen die Projektbefürworter sofort kategorisch ablehnten, die Projektgegner hingegen Aufgeschlossenheit bekundeten. Die Bahn aber schob einen Riegel vor, indem sie anderntags die Auftragsvergabe für ein Sechstel des gesamten Bauvolumens bekanntgab.

Ist eine Jahrhundert-Dummheit nicht mehr abzuwenden? Ungeklärt sind die geologischen Risiken; katastrophale Bodenhebungen durch aufquellendes Anhydrit sind nicht auszuschließen. Offen ist, ob die nachträgliche Verdoppelung der abzupumpenden Grundwassermenge nicht die Voraussetzungen der Baugenehmigung hinfällig macht. Und noch könnte einigen Politikern die Einsicht kommen, daß sie durch nichts mehr Glaubwürdigkeit gewinnen würden als durch die Bereitschaft, dazuzulernen und umzudenken.