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Wunderschöne Katastrophen  (Monika Köhler)

Das »edelste Meer, das jemals gemalt wurde« ist in Hamburg nicht zu sehen. Die Ausstellung »William Turner. Maler der Elemente« im Bucerius Kunst Forum zeigt es nicht. Jenes von dem zeitgenössischen Kunstkritiker John Ruskin so hoch gelobte Gemälde von 1840 hat den Titel: »Sklavenhändler werfen die Toten und Sterbenden über Bord, ein Taifun kommt auf«. Ruskin war so begeistert von den glühenden Farben des Sonnenuntergangs, dem aufgewühlten Meer, daß er das Bild kaufte. Doch die Menschen, das Frachtgut, sind kaum zu erkennen. Bis in die 1830er Jahre wurden Sklaven über Bord geworfen wie Abfall, besonders Kranke, die nichts mehr nützten. Mit den Versicherungen konnte man den Verlust des menschlichen Frachtguts abrechnen. Auf dem Schiff waren die Sklaven nicht versichert. Der Maler sah hier die Gelegenheit, die menschengemachte Katastrophe im Farbrausch auszudrücken. Sogar die Eisenketten der Sklaven, im Meer schwimmend, zeigte er – eine physikalische Unmöglichkeit, aber als Bild überzeugend.

Die vier Elemente hatten zu Turners Zeit ihre Bedeutung verloren – schon 30 neue Elemente waren entdeckt. Den Maler aber reizte der Kampf der Naturgewalten. Erde, Wasser, Luft und Feuer sind in der Ausstellung im Erdgeschoß zu besichtigen, oben die Bilder, die unter dem Begriff »Fusion« zusammengefaßt werden: Aquarelle und Gemälde, die den Betrachter hineinzuziehen scheinen ins Bild, mitten in die Landschaft, ins sturmgepeitschte Meer. Wildzerrissene Wolken wie Drachen drohen schwarz gegen den rötlich-orange flammenden Himmel, die Wellen schmutziggrau – eine Aquarellstudie (um 1817). Turners Aquarelle nähern sich der Abstraktion an – und das im frühen 19. Jahrhundert. Er unterrichtete an der Royal Academy in London Architektur-Perspektive. Doch für sich selbst suchte er die Auflösung. Er wurde bewundert und angefeindet – aber die Kunst der Inszenierung und Vermarktung beherrschte er gut. Aquarelle wurden in Stiche umgesetzt – und erschienen dann in Reisebüchern. Und es gab Mäzene, die ihn unterstützten.

Der Brand des Londoner Parlaments 1834 – Turner war dabei. Die Flammen spiegeln sich im Wasser der Themse. Wo oben ist, wo unten, das ist kaum zu unterscheiden.

Um 1800 hatten zwei Auffassungen über den Ursprung der Erde vorgeherrscht: der deutsche Neptunismus, der ein Entstehen in Jahrtausenden über Sedimentablagerungen aus dem Wasser annahm. Dagegen in England die plutonische Weltsicht, die den Vulkanismus, das Feuer im Erdinneren als Urgrund sah. Ein evolutionäres und ein revolutionäres Modell. Auch in der Malerei, in der Darstellung der Landschaft zeigte sich dieser Einfluß. Turner schuf Wirbel aus Wasser und Feuer, eruptive Bewegungen. Dagegen entschied sich in Deutschland Caspar David Friedrich, die Landschaft in Schichtungen aufzubauen, ausgewogen, andachtsvoll.

Hinein in den Strudel aus Wasser und Wolken, der Natur ausgeliefert. So ziehen zwei Gemälde im oberen Raum der Ausstellung den Zuschauer mitten ins Geschehen. Beide um 1842/1843 entstanden. »Schneesturm – Dampfschiff vor der Hafenmündung sendet Signale im flachen Wasser…«, nur ein Teil des langen Titels. Der Maler hat diesen Sturm selbst erlebt. Auf dem zweiten Bild, »Der Abend der Sintflut«, wirbeln die Vögel in der Luft in Scharen, die Tiere strömen der Arche zu. Aber zu sehen sind vor allem Farben, der schwefelgelbe Himmel, eine fahle Sonne, die sich im Wasser spiegelt, unten ein rotbraunes Ungetüm.

»Um den Kampf der Elemente« ging es Turner, »ohne literarischen Bezug und ohne Götter- und Heldendarstellungen«, so Ortrud Westheider, eine der Kuratorinnen, im Katalog. Stimmt nicht. Gleich am Eingang die Konfrontation mit dem Gemälde »Der Held der hundert Schlachten« – um 1800/1810 entstanden, 1847 bearbeitet und ausgestellt, vier Jahre vor Turners Tod. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte Turner die Eisenwerke von Cyfarethfa besichtigt, einem bekannten Ort der Schwerindustrie. Vier Zeichnungen entstanden. Von Gemälden ist nichts bekannt. Ein englischer Autor beschrieb 1853 die Atmosphäre dort als ein Getöse von Dampf und Explosionen, der aufgewühlten See auf Turners Bildern vergleichbar. Der Maler nahm ein 40 Jahre altes Bild (oder eine der Zeichnungen) und machte durch Übermalung daraus etwas Neues. Im rechten dunklen Teil sitzt eine Frau vor einem riesigen Räderwerk und Hebekran, alles sehr akribisch dargestellt, sogar Früchte in Schalen auf dem Boden (ihr Frühstück?). Der linke Teil, ein einziges Feuermeer, in der Mitte darin ein Reiterstandbild: der Herzog von Wellington, von goldenen Flammen umgeben. Ein noch lebender Held, dessen Standbild hier geschaffen wird. Das rotglühende Metall zu Füßen des als »Retter Europas« Gefeierten – es hätten auch Blutströme sein können. Matthew Cotes Wyatt hatte zwei Jahre zuvor für Wellington ein riesiges Bronze-Standbild entworfen, dreißig Jahre nach dessen Sieg über Napoleon bei Waterloo. Turner bewunderte Wellington und wohl auch diese damals größte Bronzestatue der Welt. Sie stand jedoch auf einem viel zu kleinen Triumphbogen.

Daraus entstand eine Auseinandersetzung über Kunst. Der Autor Henry James spottete über den »eisernen Herzog als Zinnsoldat«. Schließlich entschied die Königin, die Statue entfernen zu lassen. Wellington erklärte, daß er in diesem Fall zurücktreten werde als Oberbefehlshaber der Armee. Er starb 1852. Und doch blieb die Statue da, wo sie stand – bis zum Jahr 1884. Vorher, als noch der Streit tobte, war jedes Mitglied der Royal Academy angeschrieben und um Stellungnahme gebeten worden. Fast alle Mitglieder waren für die Umsetzung des Standbilds, nur zwei dagegen. Einer war Turner. Er schrieb über seine »Interessen und Gefühle«, die für ihn »allzu konfliktreich und schwierig« seien. Er war mit dem Vater des Bildhauers befreundet und mit anderen Mitgliedern der Familie Wyatt. Und ein Bewunderer Wellingtons. Sein Gemälde, eine Hommage an den Herzog. Es wurde auch als alchemistisches Werk gedeutet, aus Licht und Flammen geschaffen – wie von Vulkanus selbst, dem römischen Gott des Feuers und kunstfertigstem Waffenschmied.

Beim Guß des Reiterstandbilds 1845 – es waren einflußreiche Gäste aus Wissenschaft und Kultur geladen – hatte sich eine dramatische Explosion ereignet. Turner war wohl nicht dabei. Aber es gab Berichte. Eine Masse aus 17 Tonnen von rotglühendem Metall war ausgeflossen – und fand sich wieder in Turners Bild.

Ruhe und Erholung suchte der Maler an der Küste von Kent, im Südosten Englands. Dort, bei Margate, bewohnte seine langjährige Freundin Sophia Caroline Booth ein Haus mit Blick auf den Strand. Hier entstanden über 100 Werke. Turner wollte dort ungestört sein, nannte sich »Admiral Booth« als Pseudonym. Das Gemälde »Neumond« von 1840 – in der Ausstellung und auf dem Katalogumschlag – erscheint der anderen Kuratorin, Inès Richter-Musso, als Ausdruck von Turners »Gestaltung einer harmonischen Welt«. Ja, fast ein Idyll. Die untergehende Sonne spiegelt sich im Wasser am Strand, spielende Kinder, Hunde, Spaziergänger. Ganz schwach am Horizont Margates Umrisse. Aber wie nennt der Maler sein Bild? »Neumond: oder ›Ich habe mein Boot verloren, du sollst deinen Reifen nicht haben‹.« Friedlich? Der Mond steht als Halbmond am Himmel in der Mitte des Bildes. Ein Hinweis darauf, daß etwas nicht stimmt, denn Neumond ist unsichtbar. Und die Kinder? Sie streiten miteinander.

Dem Himmelszeichen gab Turner eine Stimme in seinem Gedicht zum Bild »Abend der Sintflut«. Dort schreibt er: »Der Mond gab unbeachtet sein Leidenszeichen zu erkennen; doch der Ungehorsam schlief; die dunkelnde Flut schloß sich zusammen, und das letzte Zeichen kam …«

Die Ausstellung, noch bis zum 11. September in Hamburg, wird danach im Muzeum Narodowe in Krakau und im Turner Contemporary in Margate gezeigt. Der Katalog, Hirmer-Verlag, 256 Seiten, kostet in der Ausstellung 29 €.