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Ein Schloss – wozu?  (Eckart Spoo)

Einst stand auf dem zentralen Platz Berlins das Stadtschloss der Hohenzollern. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerschossen und zerbombt. Die DDR-Volkskammer ließ an dieser Stelle den Palast der Republik errichten, den der Bundestag abreißen ließ. Vor zwei Jahren legte dann Bundespräsident Joachim Gauck den Grundstein für einen Schloss-Nachbau. Die Öffentlichkeit erfuhr, das stattliche Gebäude werde rund 600 Millionen Euro kosten; allein für die Fassade aus der Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. sei mit 100 Millionen zu rechnen. Ehrengast war Georg Friedrich Prinz von Preußen. Die Bild-Zeitung ließ das »Hohenzollern-Oberhaupt« jubeln: »Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich glauben, dass es jetzt endlich losgeht.«


Der Rohbau wuchs ungewöhnlich schnell, so dass schon im Juni 2015 Richtfest gefeiert werden konnte – mit viel Musik. Was fehlte und bis heute fehlt, ist eine Vorstellung vom Sinn und Zweck des Bauwerks. Unter der Überschrift »Schloss sucht Geist« beanstandete Die Zeit den Mangel an einer Idee für das Ganze, und sie zitierte den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, der »die Seele« des Klotzes vermisste. Der Spiegel ging noch weiter: »Das Berliner Stadtschloss wird ästhetisch und ökonomisch eine Katastrophe.«


Ein scharfsinniger Begleiter des Projekts ist von Anfang an der Berliner Architekt und Architektur-Kritiker Philipp Oswalt, ehemaliger Leiter der Bauhaus-Stiftung Dessau. Am Tage des Richtfestes nannte er in der Zeitung Die Welt zwei Motive für den Schloss-Nachbau: »Erstens erkennt man die sich seit den Siebziger-Jahren radikalisierende Sehnsucht, das 20. Jahrhundert ungeschehen zu machen und ans 19. Jahrhundert anzuschließen. Zweitens ist es eine nationale Setzung, wo man mit halb schlechtem Gewissen an das preußische Erbe anknüpfen will, die man in einem Akt der Political Correctness wieder konterkariert mit der Idee, im Schloss die außereuropäischen Sammlungen unterzubringen.« Also wohl kein Ort der Aufklärung wie andere Museen, sondern der Ablenkung und Verschleierung.


Tags darauf versammelten sich im Haus der Berliner Festspiele einige hauptstädtische Kultur-Verantwortliche, um über das Thema »Humboldt-Forum – Berliner Chance« zu diskutieren. Worin soll die Chance bestehen? Wo sollen die bisher nicht aufgefundene Idee, der Geist und die Seele herkommen? Was soll in dem Gebäude geschehen? Dafür, so die wiederkehrende Antwort in der Sonntagsmatinee, habe nun der kürzlich zum Intendanten berufene Neil MacGregor, Direktor des Britischen Museums in London, zu sorgen. Er sei, unterstützt von einem internationalen Beirat, beauftragt, ein Konzept zu entwickeln.


Und was – in etwa – erwartet man von ihm? »Es soll eine Akademie der Wissenschaften und der Künste werden«, verriet Herbert Wiesner, Leiter der Arbeitsgruppe Humboldt-Forum bei der Stiftung Zukunft Berlin. Er löste damit Verwunderung aus, denn eine Akademie der Künste und eine Akademie der Wissenschaften sowie eine Universität der Künste und diverse Musik- und Theater-Hochschulen besitzt Berlin längst. Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, befand: »Sowas wie das Centre Pompidou in Paris soll es werden«, mochte sich darüber jedoch nicht genauer äußern. Er beschied sich: »Mal sehen, was der Intendant [MacGregor] daraus macht.«


Die früher gelegentlich aufgeblitzte Idee, man könne in einem nach dem Weltreisenden Alexander von Humboldt benannten »Forum« Hervorbringungen fremder Kulturen ausstellen, wurde zwar auch an diesem Sonntagvormittag in Erinnerung gerufen, kollidierte aber mit dem Hinweis, ein Haus der Kulturen der Welt stehe schon unmittelbar neben dem Kanzleramt, außerdem werde ein Haus der Weltreligionen geplant, und mit Ethnologie befasse sich auch der Gropius-Bau gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus. Die weitere reizvolle Idee, das Schloss könne – trotz barocker Fassade – ein Museum der Zukunft werden, stieß nicht auf Widerspruch; kurz angemerkt wurde nur, dass das Bildungsministerium des Bundes bereits an einem solchen Vorhaben arbeite. Manfred Rettig, Vorstand und Sprecher der Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum, machte dem Stochern im Nebel ein Ende, indem er in den Irrealis wechselte: »Das Schlimmste wäre, wenn man einmal wüsste, was es ist.« Ein Ort der Überraschungen also?


Wie auch immer das wiedererstehende Schloss schließlich genannt und wozu es genutzt wird – jedenfalls müssten »neue Darbietungsformen gefunden werden«, forderte Wiesner. Rettig schien zuversichtlich, dass es an Geld dafür nicht fehlen wird – von jährlich 50 bis 55 Millionen Euro war die Rede, teilweise aus dem Etat des Auswärtigen Amts (zwecks Selbstdarstellung Deutschlands). Oberender verglich: »Der Etat einer großen Oper.« Auch der Direktor des Internationalen Literaturfestivals Berlin, Ulrich Schreiber, stellte einen Vergleich an: Seit mehr als zehn Jahren müsse sein Festival mit 320.000 Euro auskommen. Ein Antrag auf Erhöhung im nächsten Jahr sei soeben abgelehnt worden. So blieb die Bitte des Moderators Volker Hassemer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin, nicht über Finanzen zu reden, unerfüllt – eine verständliche Bitte angesichts des allgemeinen Nichtwissens, wozu das Schloss gut sein soll.


Gibt es wirklich keine Idee? Namhafte Antifaschisten wie Esther Bejarano, Daniela Dahn, Prof. Dr. Heinrich Fink, Dr. Heinrich Hannover, Ulla Jelpke, Prof. Dr. Arno Klönne (†), Monika Köhler, Otto Köhler, Dr. Gisela Notz, Prof. Dr. Norman Paech, Prof. Dr. Kurt Pätzold und Prof. Dr. Fanny-Michaela Reisin unterbreiten auf den beiden folgenden Seiten unter der Überschrift »Wie gedenkt Deutschland heute und künftig in seiner Hauptstadt Berlin seiner faschistischen Vergangenheit?« einige Überlegungen, die auch als Reaktion auf andere Aktivitäten in der Umgebung des Schlossplatzes entstanden sind: die feste Ansiedlung der Ausstellung »Körperwelten« (gehäutete Menschenleiber) von Gunther von Hagens und die Attacken auf das Marx-Engels-Forum. Damit wollen sie eine öffentliche Diskussion anstoßen, ohne die eine so wichtige Entscheidung wie die über die Bestimmung des Schloss-Nachbaus nicht getroffen werden darf. Dr. Dietmar Bartsch und Dr. Sahra Wagenknecht (Fraktion Die Linke im Bundestag) haben sich der Initiative angeschlossen. Zustimmungserklärungen und weiterführende Vorschläge sind erbeten an Ossietzky, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin.


Wie gedenkt Deutschland in seiner Hauptstadt Berlin heute und künftig seiner faschistischen Vergangenheit?

Berlin hat heute etliche Gedenkstätten, die an den faschistischen Terror, an den Widerstand, an die Opfer, hier und da auch an die Täter erinnern. In manchem Fall bedurfte es jahrelanger Anstrengungen, bevor eine Gedenkstätte geschaffen werden konnte, zum Beispiel die Topografie des Terrors auf dem Gelände, wo die Gestapo ihren Sitz hatte. Und es gibt in der Berliner Gedenkkultur auch immer noch Leerstellen, an denen Verfolgung oder Widerstand, die dort stattgefunden haben, erst in Erinnerung gerufen werden müssen.


Immer stärker spürbar wird vor allem das Fehlen eines zentralen Museums, das einen Überblick über die Nazi-Vergangenheit gibt. Wenn sich die Erinnerungsarbeit hauptsächlich auf das Geschehen an einzelnen Orten beschränkt, bleibt sie punktuell, zufällig, zusammenhanglos. Was erfährt man dann in Berlin von den Verbrechen, die außerhalb der deutschen Grenzen begangen wurden, zum Beispiel in Sobibor, Majdanek, Belzec, im weißrussischen Trostenez, in Jugoslawien oder in Griechenland, in den Ardeatinischen Höhlen oder in Oradour? Was werden spätere Generationen von gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhängen oder auch vom Nachwirken des Hitler-Faschismus erfahren? Der zentrale Lernort, den wir vorschlagen, soll in- und ausländischen BesucherInnen den Weg zu Gedenkorten in ihren Herkunftsregionen weisen und ihnen zu einem besseren Verständnis der da oder dort empfangenen Informationen verhelfen. Hier soll eine Vorstellung vermittelt werden, wie weit sich Nazi-Ideologie und -Herrschaft ausbreiteten – auch über die Grenzen Deutschlands hinaus – und wie tief sie in die Gesellschaft eindrangen. Anhand von Biografien soll aber auch klar werden, dass sich Menschen unterschiedlich verhalten konnten, also unter dem Terror nicht automatisch zu Mittätern des Terrorismus werden mussten.


Für die inhaltliche Gestaltung des Museums empfiehlt sich eine Gliederung nach gesellschaftlichen Bereichen: Schule, Hochschule, Wissenschaft, Medizin, Wirtschaft, Staatsverwaltung, Polizei, Justiz, Militär, Propaganda, Medien, Kunst und so weiter. Es soll nicht nur dargestellt werden, wie die Nazis die Institutionen in den Griff nahmen, sondern auch wie der Faschismus in den einzelnen Bereichen lange vorbereitet war. Als Leitfaden soll die Frage dienen: Wie konnte es dazu kommen, dass ein hochentwickeltes Land der faschistischen Barbarei verfiel? Diese Frage wird noch für viele Generationen die Hauptfrage bleiben. Das Museum wird darauf keine allgemeingültige Antwort geben können, aber gesicherte Information als Grundlage für eigene Suche nach Antwort.


Als vorbildlich für die Gestaltung eines einzelnen Bereiches sei die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht von Hannes Heer genannt. Nach kleinen Korrekturen muss sie an die Öffentlichkeit zurückkehren. Auch in anderen Bereichen gibt es inzwischen – literarisch, aber noch nicht museal – gute Vorarbeit für eine historisch korrekte, allgemeinverständliche, zum Nachdenken anregende Darstellung.


Das Fehlen eines zentralen Lernortes wird noch schmerzlicher bewusst werden, wenn demnächst die 1,4 Kilometer lange, vorzüglich gestaltete Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße fertiggestellt wird. Ästhetisch beeindruckend, didaktisch wirkungsvoll vermittelt sie die Geschichte der Mauer bis in kleinste Details, für alle BesucherInnen verständlich; der Andrang ist groß. Wenn dann zudem die geplante Vertreibungsgedenkstätte entsteht, wird es noch stärker auffallen, dass kein Berliner Museum die Nazi-Vergangenheit im Ganzen thematisiert. Diesem Mangel ist auch durch Einzelveranstaltungen der Topografie des Terrors, die über das ortsbezogene Thema hinausgehen, nicht abzuhelfen.


An welchem Platz in Berlin soll und kann das Museum errichtet werden? Wir schlagen dafür das Berliner Stadtschloss vor, das gegenwärtig nachgebaut wird. Der Rohbau ist schon fertig, aber bisher steht nicht fest, wie die Räume genutzt werden sollen. Die Idee, hier einen Teil der Berliner Zentralbibliothek unterzubringen, scheint verworfen zu sein. Für ein »Humboldt-Forum«, das den Blick auf fremde Kulturen richten könnte, soll jetzt der Direktor des British Museum in London, der Kunsthistoriker Neil MacGregor, ein überzeugendes Konzept entwickeln. Nach unserer Vorstellung muss vorrangig geklärt werden, ob die beiden Hälften des durch eine Passage geteilten Gebäudes einerseits für das hier vorgeschlagene Museum über den Irrweg des Deutschen Reiches bis 1945 und andererseits für Sammlungen des »Humboldt-Forums« genutzt werden können.


Jedes Nutzungskonzept wird die Geschichte des Platzes berücksichtigen müssen. Das Massaker vom 18. März 1848, als hier der »Kartätschenprinz«, der spätere König und Kaiser Wilhelm I., auf Demonstranten schießen ließ, die Reichs- und Weltmachtpläne, die hier geschmiedet, die Kriege, die von hier aus geführt wurden – all das gehört wesentlich zur Vorgeschichte des deutschen Faschismus. Wir sehen in Berlin keinen passenderen Ort für das Museum als diesen. Die Entscheidung, den Schloss-Nachbau für diesen Zweck zu nutzen, wäre ein starkes Zeichen für die Bereitschaft, sich mit der Nazi-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wir sind sicher, dass dieser Platz nicht besser genutzt werden kann und dass das vorgeschlagene Museum ein Publikumsmagnet sein wird.


In München ist im Mai 2015 ein Museum eröffnet worden, das über die bayerische Nazi-Geschichte aufklärt. Das moderne Gebäude steht an zentraler Stelle der einstigen »Hauptstadt der Bewegung«. Die moralischen und geistigen Kräfte für ein solches Projekt sollten sich auch in der einstigen Reichshauptstadt Berlin mobilisieren lassen.

 

Erstunterzeichner sind Prof. Dr. Peter Arlt, Dietmar Bartsch, Esther Bejarano, Daniela Dahn, Hanne Daum, Prof. Reiner Diederich, Prof. Dr. Heinrich Fink, Dr. Rolf Gössner, Dr. Dieter Götze, Dr. Heinrich Hannover, Dr. Detlef Hensche, Ulla Jelpke, Prof. Dr. Arno Klönne (†), Monika Köhler, Otto Köhler, Dr. Gisela Notz, Prof. Dr. Norman Paech, Prof. Dr. Kurt Pätzold, Prof. Dr. Fanny-Michaela Reisin, Eckart Spoo, Sarah Wagenknecht. Zustimmungserklärungen und weiterführende Vorschläge (bitte leserlich) an Redaktion Ossietzky, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin.

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