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Titel1810

Zu Hause am Südseestrand  (Wolfgang Bittner)

Es war schon August, und wir hatten noch nichts für unseren Urlaub geplant. »Last Minute«, schlug meine Frau vor. Aber ich hatte noch den überfüllten Strand vom vergangenen Jahr vor Augen und winkte müde ab. Wenn man erstmal urlaubsreif ist, fällt es um so schwerer, sich zu einer Initiative durchzuringen. Meine Frau hatte einen ganzen Stapel Reisekataloge mitgebracht und einiges aus dem Internet ausgedruckt, aber es fehlte an Entschlußkraft.

Dann las ich in einem Katalog: »Dein Urlaub wird so gewesen sein, wie Du ihn Dir vorgestellt haben wirst.« Das brachte mich auf eine Idee.

Schon am nächsten Tag fuhren wir in den Baumarkt und kauften zwei große Säcke Sand, feinen weißen Sand, wie es ihn an besonders schönen Stränden, zum Beispiel in der Karibik, gibt. Außerdem erstand ich in einer Gärtnerei für exotische Flora zwei immerhin schon zwei Meter hohe Palmen in Kübeln sowie eine ansehnliche Bananenstaude. Nachdem wir in den folgenden Tagen alles in unsere Wohnung im vierten Stock und auf unsere Terrasse bugsiert hatten, legten wir los mit unserem Urlaubsvergnügen.

Statt Koffer zu packen, zum Flugplatz zu fahren, dort stundenlang in Schlangen zu stehen und auf den verspäteten Flieger zu warten, verteilten wir den wunderbaren Karibik-Seesand auf der Dachterrasse, befestigten ein großformatiges Poster mit Südseestimmung an der Wand und rückten zwei Liegen unter den Sonnenschirm, den wir mit den Palmen und der Bananenstaude umgaben. Ich stellte noch unsere Blumenkästen dazu, in denen Tomaten reiften.

Telefon, Handy und Türklingel wurden abgestellt, der Computer beiseite geschoben. Wir hatten uns ausreichend mit Postkarten eingedeckt, die eine einsame Insel mit Palmen zeigten – für unsere Bekannten und Freunde. Das Wetter spielte mit: zwei Wochen Sonne und hohe Temperaturen. Endlich kamen wir dazu, die Bücher zu lesen, die wir immer schon lesen wollten.

Eine Ecke unserer Terrasse nahm jetzt ein dunkelblaues aufblasbares Planschbecken ein, in dem sich der Himmel spiegelte. Das Meeresrauschen bezogen wir vom CD-Player, gelegentlich auch anregende Ethnomusik. Wohlschmeckende und bakteriell unbedenkliche Küche war garantiert: risikofreie Hausmannskost. Doch hin und wieder leisteten wir uns von dem eingesparten Geld auch Hummer und Kaviar.

So verbrachten wir einen wunderbaren Strandurlaub. Nur unseren engsten Freunden verrieten wir kürzlich hinter vorgehaltener Hand unseren Balkonientrip. Da erfuhren wir allerdings, daß wir mit unserer exotischen Mobilitätsabstinenz voll im Trend liegen. Wir hatten uns schon gewundert: Die Urlaubskarten mit Südseepalmen, die wir erhielten, waren in Stuttgart, Hamburg und Berlin abgestempelt.