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Titel1814

Verwechselte Betbrüder  (Ralph Hartmann)

An den schwülen Sommertagen Ende Juli hat unser Bundespräsident seinen engen Vertrauten und Chef des Bundespräsidialamtes, David Gill, schriftlich die Kritik zurückweisen lassen, die ostdeutsche Pfarrer an seinen Äußerungen zu Kriegseinsätzen geübt hatten. Kernaussage: »Der evangelische Christ Gauck kann … nicht erkennen, daß der vom Evangelium gewiesene Weg ausschließlich der Pazifismus sei.« Die Antwort ist zugleich eine Reaktion auf den Shit-Tornado, der ausgerechnet gegen den Mann, der das höchste Staatsamt in der Bundesrepublik bekleidet, über Twitter und die Spalten der Leserkommentare nahezu aller Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine des deutschen Landes gebraust war: »Maulheld«, »Feldherr«, »Feldprediger«, »Weltpolizist«, »Kriegshetzer«, »friedenspolitischer Geisterfahrer«, »Schlafwandler aus Berlin«, »selbsternannter Dummschwätzer«, »selbstverliebter Narziß«, »bigotter Pfaffe«, »toupierter Dompfaff«, »Betbruder«, »gemeingefährlicher Quatschkopf«, »Bellizist«, »überdrehter Gotteskrieger« und so weiter und so fort.

Das hatte er nicht verdient, der Ex-Pfarrer, der Spätbürgerrechtler, der Eigene-MfS-Personenakte-Einseher ohne Aufsicht, der oberste Stasiaktenverwalter, der erst gescheiterte Bundespräsidentenkandidat und im zweiten Anlauf doch gewählte Staatspräsident der bundesdeutschen Republik, der nunmehr auch zum aufspringenden, beide Arme hochreißenden Fußball-Fan geworden ist. Was hat er denn getan, daß ihn solch ein Tornado traf? Er hat sich, wie es sich für ein Staatsoberhaupt gehört, zu Fragen der deutschen Verantwortung bei der internationalen Krisenprävention und damit auch zur Sicherung einer friedlichen Entwicklung in der Welt geäußert. Zitieren wir: »Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht […] Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist […] Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann. Wir befinden uns weit entfernt vom sogenannten ›Ende der Geschichte‹, da die Bedingungen für eine vertretbare und friedliche Entwicklung noch nicht entsprechend in die Wege geleitet und verwirklicht sind.«

Bedenkenswerte Worte! Apropos, »bedenken«, ich habe mich geirrt, und ich entschuldige mich. Die Worte stammen nicht von dem schrecklich beschimpften Staatsoberhaupt, sondern von einem anderen Oberhaupt, dem der katholischen Kirche. Enthalten sind sie im Evangelii gaudium (Freude des Evangeliums), dem ersten Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus, das den Untertitel »Über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute« trägt.

Gauck hatte anderes gesagt. In seiner Eröffnungsrede zur 50. Sicherheitskonferenz in München fragte er: »Engagieren wir uns schon ausreichend dort, wo wir Kompetenzen entwickelt haben: bei der Prävention von Krisen?« Und selbstverständlich wußte er die Antwort: »Ich meine: die Bundesrepublik sollte sich als guter Partner früher, entschiedener und substantieller einbringen […] Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein.« Und wenig später legte er im Deutschlandradio Kultur nach und sprach sich gegen einen pauschalen Verzicht auf Militäreinsätze als Instrument deutscher Außenpolitik aus: »Heute ist Deutschland […] ein Rechtsstaat […] In diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen […] Ich habe das Gefühl, daß unser Land eine Zurückhaltung, die in vergangenen Jahrzehnten geboten war, vielleicht ablegen sollte zugunsten einer größeren Wahrnehmung von Verantwortung.«

Was meinte denn Joachim Gauck mit der in vergangenen Jahrzehnten gebotenen »Zurückhaltung«? Waren es etwa nicht deutsche Tornados, die 1999 an der Spitze der NATO-Bombengeschwader über Jugoslawien herfielen, hat sich die Bundesrepublik etwa nicht an dem 78tägigen verbrecherischen Aggressionskrieg beteiligt? Kämpft die Bundeswehr nicht als treuer Kriegsverbündeter der USA immer noch in Afghanistan? Sind »Einsatzkontingente« der Bundeswehr, so der Sprachgebrauch des Verteidigungsministeriums, nicht in 13 Ländern und Regionen, darunter im Kosovo, in der Türkei, im Sudan, im Libanon und in Mali, aktiv? Wo ist denn hier die deutsche Zurückhaltung? Sollte sich Gauck nicht selber zurückhalten, statt noch mehr Kriegsbeteiligung zu fordern?

Wie wäre es, wenn »der evangelische Christ Gauck« sich Papst Franziskus zum Vorbild nehmen würde, der in seinem Evangelii gaudium auch schrieb: »Wir müssen uns immer daran erinnern, daß wir Pilger sind und daß wir gemeinsam pilgern. Dafür soll man das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen, ohne Mißtrauen, und vor allem auf das schauen, was wir suchen: den Frieden im Angesicht des einen Gottes. […] Jesus hat uns gesagt: ›Selig, die Frieden herstellen‹. In diesem Einsatz erfüllt sich auch unter uns die alte Weissagung: ›Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern‹.«

Oh Gott! Diese Worte taugen nicht für Gauck. Sie erinnern allzusehr an friedlich-revolutionäre Parolen, die er aus seinem Wortschatz getilgt hat. Und außerdem, wie kann der katholische Papst Vorbild für den protestantischen Präsidenten sein? Beide sind zwar Christen, glauben an den Herrgott, der seinen Sohn Jesus Christus zu uns Erdenmenschen geschickt hat. Doch zwischen Katholiken und Protestanten gibt es neben vielen Gemeinsamkeiten noch immer beträchtliche Unterschiede, große bei der Eucharistiefeier und bedeutende in der Haltung zum weiblichen Geschlecht, für die auch Franziskus und Gauck exemplarisch stehen. Der Papst ist unbeweibt, er lebt im Zölibat. Der Ex-Pfarrer und heutige Präsident hat gleich zwei Frauen: seine langjährige Ehefrau Gerhild und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, die mit ihm in wilder Zweitehe als First Lady im Schloß Bellevue residiert. Von Gerhild, genannt Hansi, läßt Gauck sich nicht scheiden, denn das Gelöbnis eines lebenslangen Bundes ist für ihn, wie er selbst bekennt, »selbstverständliche Verpflichtung«. Und »Verpflichtungen« sind ihm heilig, sowohl im ehelichen Bund als auch im Bündnis »im Kampf für Menschenrechte […] zu den Waffen zu greifen«.