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Titel1919

Bemerkungen

Unsere Zustände

In einem Land, wo alles kaputtgeht, kann nichts Ganzes entstehen.

 

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Wenn es heißt, er hat seinen Geist aufgegeben, muss das nicht seinen Tod bedeuten. Heutzutage lässt es sich auch ohne Geist gut leben.

 

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Der das Gewehr erfunden hat, den trifft keine Schuld. Die damit schießen, probieren nur die Erfindung aus. Und der in die Kugel läuft, vollendet nur das Werk. Wer sind nun die Mörder –?

 

Wolfgang Eckert

 

 

Grünes Wachstum?

Über das Ende der Zivilisation nachzudenken führt zu der Frage: Und was dann? Die Klimawandeldebatten und die Bedrohung ein drohendes globales Inferno durch Einsatz von Atomwaffen weisen auf die suizidalen Triebkräfte des kapitalistischen Gesellschaftssystems. In monotheistischen Religionen wird auf ein besseres Leben nach dem Tod verwiesen, wenn das Gute das Böse besiegt hat. Diese Tröstung ist gleichzeitig eine apokalyptische Matrix (Schmidt-Salomon). Dagegen sucht eine wachsende Mehrheit der Menschen weltweit nach Alternativen zu der herrschenden Ausbeuter-Politik, die den Profit über die Grundbedürfnisse alles Lebendigen auf unserem noch blauen, aber teils rauchgeschwärzten Planeten stellt.

 

Diesen Prozess des Umdenkens untersucht Bruno Kern in seinem aktuellen Buch »Das Märchen vom grünen Wachstum – Plädoyer für eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft« und gibt kritische Antworten. Der Gründer des ökosozialistischen Netzwerks begründet, wie eine Zivilisation nur durch radikale Änderung des Lebensstils überleben kann.

 

Aber was können wir selber tun gegen die Wegwerf- und Überfluss-Gesellschaft, gegen Mobilität auf fossiler Energiebasis? Welche Hoffnungen können wir auf regenerative Energien setzen? Auch diese sind nicht unendlich und setzen voraus, dass wir weniger konsumieren. Zum Beispiel sei auch »der Einsatz von Wasserstoff für die Aufrechterhaltung unseres Maßes an Mobilität … völlig illusorisch«. Mit wissenschaftlichen Fakten belegt der Autor das. Nico Paech ist vielen als Postwachstumsökonom bekannt. Seine Schlüsselaussage »Allein Lebensstile können nachhaltig sein« ergänzt Kern damit, dass er solchen Bottom-up-Ansatz zur Überwindung unseres wachstumsgetriebenen Kapitalismus als Gesamtstrategie für aussichtslos hält. Wie wir auf übergreifende makroökonomische Strukturen auf dem langen Weg zu einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft angewiesen sind, wird analysiert. Spannend war die Lektüre für mich auch durch viele Einzelthemen (unter anderem solarthermische Kraftwerke/Desertec, ökologischer Fußabdruck der Elektroautos, bedingungsloses Grundeinkommen, welche heutigen Probleme der Marxismus-Leninismus nicht sehen konnte) und Zitate (zum Beispiel von Walden Bello, Vandana Shiva, Erich Fromm, Mohssen Massarrat, Ernst Ullrich von Weizsäcker). Den Abschluss bilden sieben Thesen unter der Überschrift »Konsumverweigerung als politische Strategie?« Hier werden Kriterien für Bedürfnisse hinterfragt. Die Weiter-so-Ideologie mit der Absicherung »unseres Wohlstands« wird Perspektiven eines guten Lebens, einer Philosophie des Buen Vivir gegenübergestellt. Auf die Überwindung eigener Ohnmachtserfahrungen angesichts der politischen, sozialen und ökologischen Realitäten wird eingegangen. Für mich ist dies ein kleines Handbuch für die fast alltäglichen Diskussionen.                                    

 

Manfred Lotze

 

 

Bruno Kern: »Das Märchen vom grünen Wachstum – Plädoyer für eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft«, Rotpunktverlag, 240 Seiten, 13 €

 

 

 

Nebenschauplatz Mond

Die Jubelfeiern anlässlich des 50. Jahrestages der ersten bemannten Mondlandung am 20. Juli 1969 sind inzwischen Vergangenheit; die Medienkarawane ist weitergezogen. Dass diese unzweifelhaft technisch bedeutende Unternehmung ihre Wurzeln im bisher finstersten aller Kapitel der Menschheitsgeschichte hatte, wurde kaum thematisiert. Dabei ist längst nachgewiesen, dass sich die US-amerikanische Weltraumbehörde NASA bei ihrem Mondforschungsprogramm nicht nur an der vom Naziregime hinterlassenen Raketentechnik bedient hatte. Zahlreiche an dem Programm beteiligte Wissenschaftler hatten ihre Karriere im Dritten Reich begonnen, waren nach 1945 als »Kriegsbeute« in die USA verschleppt und dort klammheimlich eingebürgert worden.

 

Zur Lektüre empfohlen wird in diesem Zusammenhang das 2012 neu aufgelegte Buch »Mondsüchtig« von Rainer Eisfeld. Der Autor schildert darin detailliert die Biographie von Wernher von Braun, dem Vater der US-amerikanischen Weltraumforschung, seinen Werdegang vom Weltraumenthusiasten bis hin zum hohen SS-Offizier und Waffenschmied der Nazidiktatur, der von Hitler persönlich zum Professor ernannt worden ist.

 

Die militärische Bedeutung der unter von Brauns Leitung entwickelten A4-Rakete war zwar minimal. Bei den Raketenangriffen in der Endphase des Krieges hauptsächlich auf London und Antwerpen starben aber mehrere Tausend britische und belgische Zivilisten. Den mörderischen Arbeitsbedingungen bei der Raketenproduktion fielen geschätzt 20.000 KZ-Häftlinge zum Opfer. Weder Wernher von Braun noch seine Mitarbeiter, die 1945 nahezu nahtlos den Dienstherren gewechselt hatten, haben sich später zu ihrer Mitschuld bei der Bombardierung ziviler Ziele und ihrer Teilhabe oder zumindest Mitwisserschaft an der »Vernichtung durch Arbeit« in der Raketenversuchsanstalt Peenemünde und im Konzentrationslager Dora-Mittelbau bekannt.    

Gerd Bedszent

 

 

Rainer Eisfeld: »Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei«, Verlag zu Klampen, 296 Seiten, 28 €

 

 

Die Untermondler

Wer in Bukarest lebt, ist Bukarester, wer in Klausenburg wohnt, ist Klausenburger, und die Bürger des siebenbürgischen Städtchens Untermond heißen? Untermondler, Untermonder? Die Diskussion darüber wird in Radu Țuculescus neuem Roman »Metzgerei Kennedy« nicht beendet, denn es tritt die Rockband »Fliegentod« auf. Die bevorstehende Eröffnung der Metzgerei von Flavius Kasian, einem Fan des Präsidenten Kennedy, bildet die Klammer der Handlung. Ob die von Flavius mit seinem vegetarischen Gehilfen (und Dichter!) vorbereiteten Köstlichkeiten noch verkauft werden, bleibt offen, denn die Metzgersfrau schläft seit Tagen, auf Flavius wird geschossen … Es geht verrückt zu im Städtchen, das einen ständig pfeifenden Bürgermeister hat, wo zwei alte Schwestern ihr Begräbnis ausprobieren und dabei einen Fotografen zu Tode erschrecken. Dass Störche auf dem Dach Diskurse führen und Engel das Geschehen beobachten, verwundert kaum – aber diese Szenen wirken im Gegensatz zu den anderen Kuriositäten aufgepfropft.

 

Geliebt wird ebenfalls heftig, davon hält der Autor viel, vor allem von Sex-Darstellungen in den Konstellationen »ältere Frau – jüngerer Mann«. Einer davon, Chefredakteur Ovidiu Negru, allerdings macht seinem Namensvetter hinsichtlich der »Liebeskunst« wenig Ehre, auch der ungetrübte Blick auf eine Sonnenfinsternis, wie eine öffentliche Kopulation erwartet, wird von einem Hagelwetter verhindert.

 

Es gibt viel zu lachen in diesem Roman über siebenbürgische und rumänische Gegenwart. Ein Kabinettstück ist die Schilderung eines Ärztin-Patientin-Gesprächs, in dem die Floskel »Sărut mâna!« (Küss die Hand!) auf nicht immer jugendfreie Weise veralbert wird.

 

Mit Klamauk erzeugt Țuculescu den Tiefgang des Romans. Die irren Begebnisse erscheinen als Spiegelbild einer irrwitzigen Gegenwart. Denn im »Quadratischen Wald« von Untermond, einem Amphitheater, tritt nicht nur die Band »Fliegentod« auf, sondern auch ein seltsamer Guru, genannt der Große Petric. Er nimmt hohe Eintrittspreise, denn: »Man erweckt das Bewusstsein einer Nation nicht gratis.« Petric beschwört mit Erfolg die »dako-thrakische« Vergangenheit, der die Welt alle Kultur und Sprache verdanke. Es sind die Töne, die man auch in Ceauşescus Rumänien vernahm, wo Cluj (Klausenburg) dann Cluj-Napoca heißen sollte, wo man im »Dacia« fuhr – was man ja bis heute kann. Petrics seltsame Ideologie gipfelt in Lehren dieser Art: »In unser Leben kommen auch elende Eindringlinge. Europa steckt uns alle möglichen fremden Produkte in den Hals, die sogar gesundheitsschädlich sind.«

 

Dem Großen Petric fallen aber seine Phrasen im Wortsinn auf die Füße, als Stein, der negative Emotionen aufsaugen sollte.

 

Die Zuhörer gehen einen trinken, nur des Bürgermeisters Töchterlein Melpomena flüstert: »Papi, ich glaube, dass Onkel Petric ziemlich blöd ist.«

 

Rumänische Gegenwart, zum Lachen und zum Heulen, das ist die Leistung dieses Romans.                      

 

Albrecht Franke

 

 

Radu Țuculescu: »Metzgerei Kennedy«, aus dem Rumänischen von Peter Groth, Mitteldeutscher Verlag, 237 Seiten, 18 €

 

 

Spanien im Wahlmodus

Mit einer Sondersendung unterbrach am 18. September das spanische Fernsehen TV1 sein laufendes Abendprogramm und verkündete, dass am 10. November Neuwahlen für das Parlament in Madrid stattfinden. Etwas später erklärte König Felipe VI. schriftlich, dass er keinen Kandidaten für das Amt des spanischen Ministerpräsidenten gefunden habe. Der amtierende Ministerpräsident Pedro Sánchez beteuerte: »Ich habe alles versucht, aber sie haben es mir unmöglich gemacht«, damit meinte er vor allem Unidos Podemos, aber auch Ciudadanos und die Partido Popular (PP). Trotz zahlreicher Verhandlungen konnten die Differenzen nicht überwunden werden.

 

In seinem Amtssitz im Moncloa-Palast empfahl sich der Vorsitzende der Partido Socialista Obrero Español (PSOE), Pedro Sánchez, vor Journalisten dennoch erneut als Vorkämpfer für eine stabile und fortschrittliche Regierung. Auch bat er die Spanier, ihm bei der Wahl am 10. November eine Mehrheit zu verschaffen. Die PSOE war bei der Wahl am 28. April zwar stärkste Partei geworden, hatte aber zum Regieren keine Mehrheit erlangt.

 

In Wahlgängen am 23. und 25. Juli war Sánchez im Parlament gescheitert. Hätte er sich bis zum 23. September erneut als Ministerpräsident zur Wahl gestellt, wäre Ähnliches passiert wie im Juli. Das Problem in Spanien ist bis dato, dass Regierungsbündnisse wie in der Bundesrepublik Deutschland oder in anderen westeuropäischen Ländern nur in den Regionalparlamenten bekannt sind, nicht aber in Madrid. Innerhalb weniger Jahre hat sich das ehemalige Zweiparteienparlament in Madrid jedoch zu einem Mehrparteienparlament gewandelt. Trotzdem möchten PSOE und PP allein regieren.

 

Kurz vor dem 23. September bekam Sánchez von seinem Wunschpartner, der rechtsliberalen Ciudadanos-Partei, noch ein zweifelhaftes Angebot: Der Ciudadanos-Vorsitzende Albert Rivera wollte mit dem Vorsitzenden der PP, Pablo Casado, bei Sánchez‘ Wiederwahl durch Enthaltung beider Parteien helfen. Dafür sollte die PSOE unter anderem darauf einwirken, bei den im Oktober zu erwartenden Urteilen gegen die Katalanen eine Begnadigung zu verhindern. Wohl kein seriöses Angebot der bürgerlichen Parteien für eine Sozialdemokratische Partei.

 

Aktuelle Umfragen zeigen, dass auch die Wahl am 10. November die Blockade im spanischen Parlament nicht beenden wird. Zwar können PSOE und PP zulegen, während Unidos Podemos, Ciudadanos und der rechtspopulistischen VOX-Partei Einbußen drohen, aber weder für ein linkes noch für ein rechtes Parteienlager zeichnet sich eine Mehrheit zum Regieren ab.                   

Karl-H. Walloch

 

 

Kunst für alle

Es gibt sie wieder, die Grafik-Edition der jungen Welt. Schon 1971 wurde sie begonnen; sie existierte bis 1985 und war international einmalig. Ihr Initiator war Fritz Wengler; sein Anliegen: »Wir wollten junge Leute für Kunst begeistern und demonstrieren, dass sie erschwinglich sein kann. Jedes Blatt wurde vom Künstler signiert und war damit ein Original.« So regte man zum Sammeln von Kunst und ebenso zum Besuch von Galerien an, denn das Original faszinierte. In den genannten vierzehn Jahren wurden 131 Künstler von der Redaktion der jungen Welt gebeten, Grafiken zu einem vorgegebenen Thema zu schaffen. Alle Blätter erschienen in Originalgröße und wurden kommentiert. Viele, die damals diese Quelle nutzten, besitzen die Blätter noch heute. Finanziell war das nur zu schaffen dank der Hilfe des Kulturfonds der DDR. Die künstlerische Druckgrafik der DDR war in jenen Jahren weltbekannt und geachtet. Erinnert sei an die in regelmäßigen Abständen gezeigte, weltoffene INTERGRAFIK oder die jährlichen Wettbewerbe »100 ausgewählte Grafiken«.

 

Nun hat sich Andreas Wessel, der diese Tradition wiedererweckt, zum Ziel gestellt, sie unter den Bedingungen der Gegenwart weiterzuführen. Finanziell erschwinglich wird das nur durch Solidarität der Künstler und Drucker. Alle vier Monate kann eine Grafik zum Preis von 28 Euro im Abonnement oder Einzelverkauf erworben werden. Das erste Blatt ist eine dreifarbige Serigrafie von Marc Gröszer »o. T.« mit Prägestempel der jW-Kunstedition und Signum des Künstlers. Bestellt werden kann unter jungewelt.de/kunstedition oder telefonisch unter 030/53635580.

 

Zu den 131 Künstlern, die von 1971 bis 1985 an der Kunstedition mitwirkten, gehört Roland Berger. Er ist erneut zur Mitarbeit bereit. Zurzeit läuft bis zum 8. November in der Ladengalerie der jungen Welt unter dem Thema »Reverenzen« eine beachtenswerte Ausstellung seiner Holz- und Linolschnitte (Torstraße 6, 10119 Berlin, Mo. bis Do. 12–18, Fr. 10–14 Uhr).                        

 

Maria Michel

 

 

 

Literaturgeschichte eigener Art

Dieter Schiller und Leonore Krenzlin sind bekannte Literaturhistoriker, sie sind ein Ehepaar und beide über achtzig. Dass sie nun ihre Studien und Skizzen zur Literatur der DDR in einem Band veröffentlichen, ist ein Glücksfall, denn zeit ihres Lebens haben sie ihr Interesse auch literarischen Texten aus der DDR gewidmet und diese sowohl vor als auch nach der Wende fachmännisch begleitet. Das betrifft die aus der Emigration zurückgekehrten Schriftsteller wie Anna Seghers, Johannes R. Becher oder Arnold Zweig sowie Autoren der nachfolgenden Generationen. Da gibt es Einzelrezensionen und umfassende Studien zu kulturellen Fixpunkten wie der Bitterfelder Bewegung oder Thesen zur DDR-Literatur überhaupt. Kaum ein DDR-Schriftsteller von Rang, der nicht vorkommt, und stets gründliche archivalische Recherche, die die historischen Zusammenhänge erschließen hilft. Man kann in diesem gut lesbaren, umfangreichen Buch blättern und sich Einzelstudien als Leckerbissen herauspicken, aber auch das Ganze als DDR-Literaturgeschichte eigner Art lesen. Immer ist es spannend und lehrreich zugleich.                             

Christel Berger

 

 

Leonore Krenzlin/Dieter Schiller: »Rückblick auf ein verlorenes Land. Studien und Skizzen zur Literatur der DDR«, Edition Schwarzdruck, 534 Seiten, 34 €

 

 

Mühsam in Berlin

Endlich ist es wieder soweit: Etwa alle drei Jahre wird der Erich-Mühsam-Preis verliehen, dieses Jahr auch zum zweiten Mal ein weiterer Förderpreis. Die Preisträger sind Chris Hirte und Conrad Piens, die Herausgeber der Mühsam-Tagebücher, die der Autor und Anarchist von 1910 bis 1924 verfasste. Seit 2009 arbeiten der Literaturwissenschaftler Chris Hirte und der Informatiker und Antiquar Conrad Piens an der Gesamtausgabe der Tagebücher, deren 15. und letzter Band in diesem Jahr im Berliner Verbrecher-Verlag erschienen ist. Der Förderpreis geht an den Wanderverein Bakuninhütte in Meiningen, der sich für den Erhalt und die Belebung des Kulturdenkmals einsetzt.

 

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft fördert die Verbreitung von Mühsams Werk sowie von Aktivitäten für Frieden, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit und verleiht den vom Lübecker Galeristen Frank-Thomas Gaulin gestifteten Preis.                                 

Klara Lindstett

 

 

Preisverleihung: 26. Oktober, 18 Uhr, im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße 23. Der Eintritt ist frei. Anlässlich der Preisverleihung lädt der Verein der Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz am Sonntag, 27. Oktober, um 11 Uhr zu einem thematischen Rundgang durch die Hufeisensiedlung ein, in der Erich Mühsam zeitweilig lebte. Treffpunkt: Platz vor der Hufeisentreppe, Fritz-Reuter-Allee 46–48, 12359 Berlin.

 

 

 

Zuschrift an die Lokalpresse

Wie jemand sein Wochenende oder die abendlichen Freizeitstunden verbringt, hängt von den familiären Gegebenheiten, der individuellen Interessenlage, den beruflichen Besonderheiten, der finanziellen Lage, den häuslichen Gewohnheiten oder welchen Umständen auch immer ab. Wieso ich darauf komme? Weil die Berliner Zeitung in Zusammenhang mit den Zuständen im und um den »Görli« wieder mal eine Diskussion um den Drogenhandel, die Kriminalität und die Sicherheit der Hauptstadtbürger vom Zaune gebrochen hat. Und dabei gerät Frau Herrmann, die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, kräftig in die Schusslinie, weil sie der Zeitung Die Welt auf die Frage, ob sie sich in der Dunkelheit in den Görlitzer Park traue, erklärt hatte, sie gehe in Berlin durch gar keine Parks, das wäre ihr als Frau zu gefährlich. Das löste in der Wochenendausgabe vom 14./15. September eine heftige Debatte zwischen Bankrotterklärung und Zustimmung aus, in der Normalverbraucher, Politiker und selbst die Polizeipräsidentin das Wort ergriffen. Und ein Beamter von der Gewerkschaft der Polizei lud Frau Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen) zu einem gemeinsamen Nachtspaziergang ein, um mit ihr »über alle ideologischen Grenzen hinweg mal über die Probleme dort zu reden«. Nun würde mich interessieren, ob es dazu schon gekommen ist und ob die beiden Politiker bei der Gelegenheit gleich eines der angedachten Fußballspiele zwischen Dealer-Mannschaften besucht haben. Ich bin jedenfalls froh darüber, dass meine Frau sich am Abend lieber lustige Gesundheitsratschläge von Eckart von Hirschhausen auf dem häuslichen Bildschirm präsentieren lässt, und mir erscheint das Studium der Wochenendzeitungen oder ein »Tatort« bekömmlicher als Selbstversuche auf einem Risikogelände. – Martin Biernoth, Rentner, 10319 Berlin-Rummelsburg

 

Wolfgang Helfritsch