erstellt mit easyCMS
Titel022014

2014 – aus Jubiläen lernen  (Marc-Thomas Bock)

Der vor zwei Jahren verstorbene Eric Hobsbawm, marxistischer Historiker von Weltgeltung, hätte am gerade begonnenen Jahr 2014 seine akademische Freude gehabt. In ihm kulminieren buchstäblich die weltpolitisch bedeutsamen Jubiläen des verflossenen 20. Jahrhunderts. Während Hobsbawm zufolge das »lange 19. Jahrhundert« mit der französischen Revolution im Jahre 1789 begann und als bürgerliches Zeitalter bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges andauerte, also ungefähr einhundertfünfundzwanzig Jahre, kam das an Barbarei und globaler Destruktivität bis dahin unübertroffene 20. Jahrhundert tatsächlich gerade nur auf fünfundsiebzig Jahre. Es wurde von ihm folgerichtig auch das »kurze« genannt, denn es dauerte vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, der »Urkatastrophe« also, bis zum Fall der Berliner Mauer, dem emblematischen Beginn des Zerfalls der ehemals sozialistischen Staatengemeinschaft.

Für Hobsbawm stand fest, daß der weltpolitisch fatale Verlauf des 20. Jahrhunderts zu einem überwiegenden Teil mit dem politischen Geschehen der vier unterschiedlichen Herrschaftsformen Deutschlands verwoben war. Dem Wilhelminischen Kaiserreich und seiner monarchistischen Demokratiefeindlichkeit, der Weimarer Republik und ihrer notorischen Demokratieschwäche, dem Nazireich als ideologischem Antipoden jeglicher humanistisch-demokratischer Grundbestrebungen und schließlich der Existenz zweier deutscher Staaten als der strategischen Nahtstelle des Kalten Krieges. Den Deutschen ist die Verursachung eines übergroßen Teils menschlicher Tragödien zuzuschreiben, die sich in diesem »kurzen Jahrhundert« abgespielt haben und die in unser aller Leben hineinwirken.

Tatsächlich begehen wir 2014 die Jubiläen von Ereignissen, die durch die jeweiligen Geschichtsschreibungen denn auch hagiographisch gedeutet wurden: Den einhundertsten Jahrestag des Beginns des Großen Krieges, wie etwa die britische Geschichtsschreibung den Ersten Weltkrieg seither nennt, den fünfundsiebzigsten Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, den sowjetische Historiker seit 1941 den Großen Vaterländischen Krieg nannten und das Ende der Berliner Mauer vor 25 Jahren. Die Mauer, die für diejenigen, die sie errichtet hatten, immer der Antifaschistische Schutzwall gewesen war. Folgen wir Hobsbawms geschichtstheoretischer Linie, und noch hat kein anderer Historiker eine stringentere Betrachtungsweise der Neuzeit entwickelt, so kann man aus den geschichtlichen Abläufen des 20. Jahrhunderts nur bedingt lernen. Hobsbawm sprach vom »Zeitalter der Extreme«, er analysierte die affektive Bereitschaft von Generationen, sich für die programmatischen Heilsversprechungen von Monarchen, Diktatoren, Potentaten oder Parteien zu opfern. Die der marxistischen Geschichtsschreibung oft immanente Vernachlässigung individueller Willensbildung beim Zustandekommen dessen, was Nichtmarxisten gerne »Schicksalsstunde« nennen, hat er dabei wohl erkannt, nicht jedoch als Unausweichlichkeit hingenommen. Die Einbeziehung individual- oder massenpsychologischer Erkenntnisse gerieten bei ihm jedoch auch nicht zum Mittelpunkt seiner Gesamtsicht oder dienten gar als Erklärungsmuster für gesellschaftliche Veränderungen. Der Vollzug geopolitischer Umbrüche, die Herausbildung von Gesellschaftsformationen, sozialökonomische Modellbildungen, der Einfluß charismatischer Figuren – das alles kann darum auch nur eingeschränkt betrachtet werden, wenn man das gegenwärtige 21. Jahrhundert aus dezidiert linker Position heraus zu einem friedlicheren und gerechteren Zeitalter gestalten will. Im Vergleich zu der Fülle der von Deutschen verübten Verbrechen des letzten Jahrhunderts sollte es schon rein quantitativ nicht schwer sein, dieses Ziel zu erreichen – will man es denn zynisch formulieren.

Die jetzt heranwachsenden Generationen haben ein entspannteres Verhältnis zum 20. Jahrhundert, auch weil sich die Quellenlagen und Interpretationsmöglichkeiten, die diskursiven Zugänge und Deutungsräume in den letzten 30 Jahren geändert haben. Zu lernen bleibt jedoch, daß bei aller Hollywoodisierung unserer Geschichte bestimmte Darstellungsmodi nicht zu einer wissenschaftsbegleitenden Methode geraten sollten: Dazu gehört das Menscheln mit der Reichskanzlei im Stile Guido Knopps als vorgebliche Verkörperung des »wahren Charakters« bekannter Nazigrößen ebenso wie die Typisierung des Atypischen etwa bei der Darstellung von verständnisvollen bis hin zu opferliebenden Stasi-Offizieren in Verfilmungen. Das betrifft die zur Banalisierung führende Detailverliebtheit deutscher Nachrichtenmagazine bei der Recherche zu beliebigen Nazithemen und eben auch die höchst fragwürdige Installation von historisch nicht verbürgten Folterzellen und Gleisanschlüssen im gewiß auch ohne sie nicht angenehm gewesenen Stasi-Knast in Berlin-Höhenschönhausen. Auch wenn zu befürchten ist, daß neue Generationen mit unstatthaften Vergleichen etwa zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus heranwachsen werden, so sagt dies noch nichts über die moralisch-ethische Widerstandsfähigkeit der heute noch jungen Menschen aus. Hobsbawm, der den modernen Menschen im 21. Jahrhundert als »Homo Globatus« bezeichnet, konstatierte, daß sich die Jugend des 21. Jahrhunderts zwar zu entpolitisieren scheine, aber »in der einen oder anderen Form als Avantgarde sehr wichtig werden könnte«. Und wenn wegen dieser Avantgarde, wegen des nachweisbaren Engagements unzähliger junger Menschen in Nichtregierungsorganisationen und gemeinnützigen Verbänden, wenn bei den heute vorhandenen und tatsächlich wahrgenommenen Möglichkeiten des Kennenlernens anderer Kulturen durch Auslandsaufenthalte in die eine und durch Einwanderung in die andere Richtung der Begriff der Politisierung auch anders definiert werden sollte, nämlich als Inklusion des Andersartigen statt als Exklusion des Andersdenkenden, dann kann man dem Jubiläumsjahr 2014 gewiß auch etwas Positives abgewinnen.