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Titel2012

Hauptsache gesund  (Volker Bräutigam)

19 Uhr, heute-Nachrichten. Die übliche ZDF-Melange aus Politik und Pillepalle. Hauptmoderator (so nennt das ZDF seine Vorleser vor der Studiokamera) Matthias Fornoff: »Wie zufrieden sind die Deutschen, und was macht sie wirklich glücklich? Die Studie »Glücksatlas 2012« kommt zu dem Ergebnis, daß nicht Geld allein die Deutschen glücklich macht. Viel wichtiger ist, daß sie gesund sind, einen Partner und Freunde haben. Dabei ist die Zufriedenheit bei den Ostdeutschen gestiegen. Sie haben die Lücke zu Westdeutschland fast geschlossen. Sehr zufrieden sind die Dresdner in ihrer Heimat, noch glücklicher leben die Düsseldorfer, und am allerglücklichsten sind die Menschen in Hamburg.«

Und in Aurich is´ traurich, denn Ostfriesen haben keine Freunde. Dazu schweigt das ZDF. Auch darüber, daß die beworbene »Studie« eine hochbezahlte Auftragsarbeit für die Deutsche Post ist. Blendwerk, für dessen Hochglanzpapier Bäume sterben mußten. Fornoffs begnadetem Aufsager folgt im Filmbericht: »... Die Hamburger machen ihr Glück nicht vom Wetter abhängig.« Was? Tatsache? Szenenschnitt. Eine Hamburgerin: »... weil Hamburg halt die schönste Stadt von Deutschland ist ...« Sicher, fast so schön wie Filmreporter Christian Hamms Text sprachlogisch verkorkst: »12.000 Haushalte wurden im ›Glücksatlas 2012‹ zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt, und da holt der Osten weiter auf. Der Abstand zum Westen war noch nie so gering. Die Drittplatzierten aus Dresden sind vor allem heimatverbunden.« Szenenschnitt. Eine Dresdnerin: »... weil man hier Lebensqualität verbinden kann mit beruflichen Erfolgen und weil man hier noch Mensch sein darf.« In Dresden? Echt?

Hamm: »Laut Studie sind die wichtigsten Glücksbringer nicht nur in Hamburg: Gesundheit, Partnerschaft und Freunde.« Die Aussage wird mittels eingeblendeter Schriftgrafik in die Schädel gekloppt. Fehlt noch der akademische Deckel: ZDF-Bühne frei für Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, der doziert: »Die Selbsteinschätzung der Deutschen ist relativ konstant geblieben, trotz Euro-Krise – äh – wir sind in Deutschland im internationalen Vergleich im oberen Drittel – äh – und liegen damit dort, wo wir auch hingehören ...«

Zum Dank für diese Extra-Kelle tiefgründigen Gesabbels wollen wir den von Funk und Fernsehen bekannten Professor hier noch etwas genauer betrachten und ziehen die Internet-Ausgabe der lobbypedia bei: »... Lobbyist für die privaten Versicherungsunternehmen. Raffelhüschen äußert sich stets gegen die gesetzliche umlagenfinanzierte Rente und propagiert eine private kapitalbasierte Rente. Dabei tritt er mit Hilfe vieler etablierter Medien als unabhängiger Rentenexperte und Wissenschaftler auf. ... kann aber nicht als unabhängig gelten. Ebenfalls tritt Raffelhüschen gegen die gesetzliche Pflegeversicherung ein. Er schlägt im Pflegefall eine einjährige Karenzzeit vor, während der die Pflegebedürftigen ihre Pflegekosten allein tragen sollen.«

Die Herzensgüte in Person, dieser Experte, dem das best-etablierte Herz-Jesu-Fernsehen so häufig hilft, den unabhängigen Wissenschaftler zu geben. Welch hehre Motive bewegen aber den Mitwirkenden und Hauptmoderator Matthias Fornoff? Der, so Springers Die Welt bei seinem Start in Mainz vor drei Jahren, wolle »Texte und Themen verständlich darstellen. Boulevard und Promi-Berichterstattung sieht er dagegen nicht als Bestandteil eines seriösen Nachrichtenformats.« Nicht? Ach. Hrmpf.

»Glücksatlas«-Herausgeber Deutsche Post wirbt selbstverständlich auch, per Pressemitteilung, für seine broschierten Albernheiten: »Erfahren Sie, wo Deutschland in Sachen Glück steht. Glück und Zufriedenheit lassen sich messen.« Logo, und zwar mit dem bekannten Dösbaddel-o-Meter.

Weiter im Reklametext: »Trotz der Euro-Krise bleibt die Lebenszufriedenheit der Deutschen auf einem hohen Niveau von 7,0 Punkten stabil.« Noch ist der Staat Mehrheitseigner der Deutschen Post; das erklärt solche regierungsfrommen Baldrianpillen. Gedreht hat sie Raffelhüschen, Verfasser des »Glücksatlas«. Moment mal – der war doch in der ZDF-Reportage in Großaufnahme zu sehen,
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Berliner Bär im Glückstaumel

Und wie werden wir, die stolzen Hauptstädter, nun bewertet? »Im innerdeutschen Vergleich ist Berlin arm – Berlin hat kein Geld, der Flughafen dauert, der Winter kommt.« Wer hätte das gedacht! »Klaus Wowereit bleibt. Für das Lebensgefühl der Menschen ist das aber eher nachrangig ...« Mit einem Glückswert von 7,3 befinde man sich, vermeldet die Berliner Zeitung mit Bezug auf den »Glücksatlas 2012«, ohnehin über dem Bundesdurchschnitt. »Wie in fast allen anderen Großstädten vermissen die Hauptstadtbewohner Zusammengehörigkeitsgefühl und Sicherheit vor Kriminalität ... Auch die nach wie vor sehr hohe Arbeitslosigkeit schlägt den Menschen aufs Gemüt.« Fazit des Redakteurs Stefan Sauer: »Geld macht nicht glücklich. Kein Geld aber auch nicht.«
Na ja. Nu nee.

Lothar Kusche
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allerdings als unabhängiger Experte mit der neutralen Unterzeile »Studienleiter«? Stimmt. Werbeonkel erläutert Werbemüll aus eigener Feder und missioniert uns mit politischen Heilsbotschaften. Im ZDF, für das wir bekanntlich Gebühren zahlen.

Was sagt die Deutsche Post zum Zweck ihres kostspieligen Machwerks? Konzernvorstand Jürgen Gerdes: »Wir sind die Post für Deutschland und mit rund 180.000 Mitarbeitern wie kaum ein anderes Unternehmen fest im deutschen Alltagsleben verankert. Unsere Zustellerinnen und Zusteller stehen jeden Tag im persönlichen Kontakt mit Millionen von Haushalten, um sichere und schnelle Kommunikation zu ermöglichen ...«

Ja. Klar, ´tschuldigung, Herr Gerdes, wir streichen die weitere schönfärberische Selbstdarstellung zugunsten kompletter Wiedergabe Ihrer Auftragsbotschaft: »... Mit unseren Dienstleistungen tragen wir so zu einem funktionierenden Land bei – einem Land, in dessen leistungsfähige Institutionen die Menschen ihr Vertrauen setzen.« Das lassen wir dafür jetzt aber mal unkommentiert so stehen.

Gerdes: »Und auch ganz konkret sind unsere Zusteller jeden Tag Glücksbringer – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie überbringen unzählige Sendungen, die beim Empfänger für Freude sorgen ...« Hm. Beispielsweise Rechnungen, Steuerbescheide, Kündigungsbriefe, Anwaltspost, Wurfsendungen. Fiderallala, fiderallala.

»... Viele mag beispielsweise überraschen, daß mehr Geld, etwa im Beruf, das Glück nicht nachhaltig steigern kann. Viel wirksamer sind Faktoren wie Gesundheit oder Familie.« Werktätige, schmiert euch die Hoffnung auf Lohnerhöhung in die Haare. Vertraut auf den Faktor Gesundheit!

ZDF-Reporter Hamm schiebt nach: »Glück ist etwas sehr Individuelles. Am schönsten ist es auf jeden Fall, es mit jemandem zu teilen.« Auf jeden Fall! Und, liebes ZDF, »die Deutschen« danken für all die großartigen Mainzer Beiträge zur Alltagsbewältigung. Danke! Vielen Dank! Wären die täglichen ZDF-Trivialitäten gasförmig, würdet Ihr und Euer Laden abheben wie Graf Zeppelin.