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Titel2012

Shakespeare an der Organbörse  (Monika Köhler)

Schauspielhaus Hamburg: »Wir haben wegen Umbau geöffnet.« Die Bühne wird saniert und ist ins Parkett gewandert als »Spielfeld«. Fußball gibt’s hier nicht, aber Boxkämpfe. Das Parkett ist zum Börsenparkett geworden im Auftragsstück von Albert Ostermaier: »Ein Pfund Fleisch« nach Motiven von Shakespeares »Kaufmann von Venedig« (Regie: Dominique Schnizer, Musik: Jimi Siebels). Die Bühne, ein Seziertisch, auf dem jedoch nicht seziert, sondern alles miteinander vermengt wird. Die Bühne, ein Schlachthaus. Eine blutige Schweinehälfte hängt von der Decke herab und wird attackiert. Die Bühne, ein Boxring, in dem jeder gegen jeden kämpft. Die Bühne, ein Tablett, ganz in weiß, auf dem zum Schluß jeder als Leiche serviert wird. Die Schauspieler – es sind weniger als bei Shakespeare. Macht nichts, sie werden austauschbar, nicht nur die Perspektive wechselt. Alle sind ja in das Finanzsystem integriert, spielen dort ihre Rolle als Makler für Rohstoffe oder für Fleischkontrakte. Alle sind Global Player. Und wenn »Fugger« als heißer Tip neben Renten- und Pensionsfonds genannt wird, so ist das nur ein Gag. Hinten, auf einer großen Leinwand, laufen Video-Demonstrationen von Straßenkämpfen. Die sind real. Auf dem Börsenparkett-Spielfeld werden Phantasiegeschäfte getätigt – mit dem Handy. »Die am Tiefpunkt kaufen, machen eine Menge Geld und die Menge arm.« Hat es Shylock (Dominique Horwitz) gesagt oder Antonio (Michael Prelle)? Spielt keine Rolle. Aber, »Ich mach euch den Juden, das wollt ihr doch – meine Hoden, sind sie bitter oder süß?« Der Verweis auf den Juden im Kopf. Tubal (Hanns Jörg Krumpholz), dem Freund Shylocks, werden alle antijüdischen Klischees zugeordnet. Sein Zynismus ist unübertroffen, auch sein höhnisches Lachen und – ist es Geilheit – sein ständiges Sich-selbst-an-den-Hosenlatz-Greifen. Er spielt Gitarre und singt wie Elvis »In the Ghetto«.

Portia (Maria Magdalena Wardzinska) wie ein Model in engen schwarzen Hosen mit Goldkette und goldenen Plateausohlen ist die von Bassanio (Stefan Haschke) begehrte reiche Erbin, für die er den Kredit aufnimmt von seinem Freund Antonio. Er will mithalten und alle anderen Freier ausstechen. Bis zum Börsenschluß ist ja alles zurückgeflossen. Antonio anbrüllend: »Ich gewinne, ich gewinne mehr, als du je verdient hast«. Auch Bassanio, der jüngere, wird zum Spekulanten. »Geld ist Kredit«, sagt Shylock. Nur, wer genügend Schulden habe, »der bleibt der Welt im Gedächtnis«. Und gespielt naiv: »Was ist denn der Unterschied zwischen Gott und Geld?« Tubals dreckiges Lachen begleitet ihn. Portia verwandelt sich in Gratiano, zieht einen grauen Trenchcoat über, wechselt die goldenen Schuhe in plumpe Stiefel. Und ändert die Sprache. Nicht wie bei Shakespeare als Anwalt – hier imitiert und übertrumpft sie den Finanzkauderdenglisch als »Investmentpunk« (so das Programmheft).

Antonio sei ein anerkannter Mann, »ich nicht«, klagt Shylock. Antonios Vermögen, er habe es durch Kredite nach Afrika gewonnen. Die Afrikaner haben sich an europäische Firmen für die Aufträge gewandt. Straßen wurden gebaut, auf denen die Schwarzen wie die Fliegen verreckten. Die Schulden mußten sie mit ihren kostbaren Rohstoffen bezahlen. Das Geld blieb also dort, wo es war, in Europa. Immer wieder eingeblendet, die Demonstrationen und Straßenkämpfe – nicht auf dem Börsenparkett. Hier bearbeitet Shylock seinen Freund mit roten Boxhandschuhen. Tubal weiß etwas über Jessika, Shylocks Tochter. Sie habe sich taufen lassen und sie »vögele einen Christen«. Antonio telefoniert, daß er ein Herz brauche. Es gibt doch die Organbörse, »egal, was es kostet«. Shylock am Mikro: »Hat nicht ein Jude Augen – damit ihr sie ausstechen könnt.« Er skandiert es wie einen Song – worauf sich Horwitz so gut versteht. Und weiter: »Gott lacht über mich.« Währenddessen erklärt Tubal – am Telefon – Antonio zum Juden: »Wenn auch mit Weihwasser getauft.« Sein dreckiges Lachen hört nicht mehr auf. Und Antonio hält sich die Pistole an die Schläfe. Ein Spiel nur. Bassanio trinkt auf die Liebe. Ganz allein auf der Bühne begießt er sich mit Champagner.

Liebe gibt es in der Finanzwelt nicht mehr, so scheint es. Nur noch dramatischen Kitsch am Ende, gewolltes Schmierentheater mit Schwüren und Versprechungen. Die Regie läßt den Juden Tubal an der Schweinehälfte baumeln, blutbespritzt nicht nur er. Ehe alle tot am Boden liegen oder sich für tot erklären und Antonio ihm verziehen hat, sagt Shylock noch schnell: »Das macht euch Christen keiner nach, erst töten, dann verzeihen.«