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Titel2218

Eine freigestellte Koryphäe  (Ralph Hartmann)

In der Causa Hubertus Knabe ist der Sachverhalt bekannt. Der Stiftungsrat kündigte dem Chef der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im September 2018 zum 31. März 2019 als nächstmöglichem Zeitpunkt ordentlich und stellte ihn mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben frei. Knabe wird vorgeworfen, die Klagen von Frauen über sexuelle Belästigung durch seinen Stellvertreter Helmuth Frauendorfer nicht ernst genug genommen zu haben. Von verschiedenen Seiten wurde der zuständige Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) daraufhin bezichtigt, das zum Vorwand genommen zu haben, um sich an dem bekanntem »Stasiaufklärer« zu rächen. Diesem Vorwurf stellte sich die CDU-Politikerin, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, entgegen. In einem Informationspapier an Bundestagsabgeordnete stellte sie klar: »Der Stiftungsrat hat einmütig den Eindruck gewonnen, dass Herr Dr. Knabe über Jahre Missstände in seinem Haus geduldet und durch seinen Führungsstil und eigenes Verhalten sogar befördert hat … Alle Mutmaßungen, hinter der Kündigung des Direktors stünden parteipolitische oder ideologische Erwägungen, entbehren jeder Grundlage.« Fazit: Der linke Kultursenator ist entlastet, die Freistellung des Leiters der Gedenkstätte ist vorerst rechtens. Doch verdient hat Knabe die vorgesehene Kündigung nicht. Sie ist im höchsten Maße ungerecht. Deshalb hat der Geschasste auch Klage eingereicht. Seine Anwälte können mit Fug und Recht darauf verweisen, dass der Mann ein verdienstvoller einzigartiger Mensch ist, den Eigenschaften auszeichnen, die ihn für das verantwortungsvolle Amt in Hohenschönhausen bestens prädestinieren.

 

Vor allem können sie hervorheben, dass der Kläger bemerkenswert ehrgeizig ist und sich stets hohe Ziele stellt. Bereits im Jahr 2000, am Beginn seiner Tätigkeit in Hohenschönhausen, war er sich der Bedeutung der Gedenkstätte voll bewusst. Er fasste sie in die Worte: »Mit Hohenschönhausen haben wir einen Verfolgungsort der letzten Diktatur fast unversehrt überliefert, dem eine wirklich nationale Bedeutung zukommt. Das ist, wenn man das überhaupt vergleichen kann, das Dachau des Kommunismus.« Aber damit war er noch lange nicht zufrieden. Er stellte sich hohe Ziele: »Erst wenn die kommunistische Diktatur den Deutschen ähnlich präsent ist wie das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten, ist die Aufarbeitung der Hinterlassenschaften von Stasi-Minister Erich Mielke wirklich gelungen.«

 

Aber Knabe ist nicht nur zielstrebig, mit seiner Kreativität und seinem Einfallsreichtum, so können die Anwälte argumentieren, hat er sich wie nur wenige um die Aufdeckung des Stasi-Terrors verdient gemacht. Als Koautor hat er einen dreißig Minuten langen Dokumentarfilm geschaffen, der das Grauen der Stasi-Diktatur in den schwärzesten Farben schildert. Besuchern der Gedenkstätte wird er als Einstimmung auf den Rundgang durch die grauenhafte Haftanstalt gezeigt. Darin fehlt auch nicht die Geschichte über die unmenschlichen Experimente, die bei Gefangenen mit Hilfe von Röntgenstrahlen Blutkrebs erzeugten. Beweise gibt es dafür leider nicht. Aber das dokumentarische Meisterwerk steht seit nunmehr 14 Jahren auf dem Spielplan. Eine Rekordzeit, denn in welchem Kinotheater wird ein Film fast anderthalb Jahrzehnte ohne Pause gezeigt? Aufmerksam gemacht werden kann auch darauf, dass es Knabe gelungen ist, nach »Erinnerungsskizzen« ehemaliger Häftlinge Wasserfolterzellen, bei deren Anblick den Besucher schaudert, zu installieren. Schließlich ist es dem bisherigen Gedenkstättenchef zu verdanken, dass in die ehemalige Haftanstalt nachträglich ein kurzes Gleisstück mit einem Eisenbahnwaggon zum Transport von Häftlingen eingebaut wurde, das aus dem Nichts kommt und nirgendwohin führt. Mit dem Kunstwerk wird dem Besucher suggeriert, dass es in der »zweiten deutschen Diktatur« zuging wie in der ersten. Abfahrt in das Massenvernichtungslager in Auschwitz. Die Anwälte haben allen Grund, anschaulich zu beweisen, dass ihr Mandant außergewöhnlich kreativ ist.

 

Wenn dieser kreative Mensch sich einmal irrt, dann geht für ihn die Welt nicht unter. Als die bundesdeutschen Medien 2016 mit wüstem Geschrei Horrormeldungen über die menschenfeindlichen Medikamententests in der untergegangenen DDR verbreiteten, zögerte er keinen Moment, seinem heiligen Zorn freien Lauf zu lassen: »Wer Menschen, die sich nicht wehren können, als Versuchskaninchen missbraucht, handelt inhuman.« Sollten, so fuhr er fort, tatsächlich mehr als 50.000 Menschen als Testpatienten gedient haben, sei das »einer der größten Medizinskandale der Nachkriegsgeschichte«. In einem Interview mit dem NDR brachte er seine Empörung auf den Punkt: »Das Ausmaß ist doch wirklich erschreckend, wenn man sich vorstellt, dass da 500 Tests durchgeführt wurden, mit wahrscheinlich rund 1000 Personen pro Test, also 50.000 [sic!] Menschen von einer Diktatur zur Verfügung gestellt worden sind, für solche Tests; ohne normalerweise jedenfalls offensichtlich befragt worden zu sein – das ist schon ein ziemlich erschreckender Vorgang.« Als sich die Anschuldigungen, wie man heutzutage zu sagen pflegt, als Fake News herausstellten, hüllte sich Knabe in Schweigen. Wozu sollte er sich auch bei den DDR-Ärzten und den betroffenen Pharmafirmen entschuldigen?

 

Aber Hubertus Knabe ist nicht nur ein zielstrebiger, ambitionierter Gedenkstättenchef und begnadeter Künstler, er ist auch ein exzellenter Historiker, der in der Lage ist, unterschiedliche geschichtliche Ereignisse in einem engen Zusammenhang darzustellen. Wiederholt hat er es, so könnten es seine Anwälte überzeugend darlegen, unter Beweis gestellt. Meisterlich gelang ihm das im Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestages, in dem er sich energisch dafür einsetzte, alles zu tun, um über die »beiden Diktaturen« in Deutschland aufzuklären, und zwar so: »Man kann die Opfer nicht gegeneinander aufrechnen, sondern man muss sie selbstverständlich addieren. Daraus ergibt sich das ganze Grauen dieser Zeit.« Geschickt, wahrlich meisterlich blendete er aus, dass der Schreckensherrschaft des Hitlerfaschismus durch Massenrepressalien, Eroberungskrieg und industrielle Menschenvernichtung 60 Millionen Frauen, Männer und Kinder zum Opfer fielen.

 

Die Gleichsetzung der »beiden Diktaturen in Deutschland« bestimmt die Gestaltung und das Wirken der Gedenkstätte in Hohenschönhausen. Eckart Spoo hat sie 2006 besucht und resümierte: »So …, wie Geschichte hier zugerichtet wird, dient sie nur der Desinformation … Also schließen! Schleunigst! Schulklassen fernhalten! Oder könnte man aus diesem Gelände vielleicht doch etwas Nützliches machen? Als erstes müsste man – wie allgemein üblich – die Gedenkstätte Hohenschönhausen nach wissenschaftlichen Kriterien evaluieren. Und klären, welche Befähigungen jemand braucht, der hier künftig Direktor sein könnte.« (Ossietzky 22/2006)

 

Der damalige Bundespräsident Horst Köhler sah das völlig anders. 2009 zeichnete er den Direktor der Gedenkstätte mit dem Bundesverdienstkreuz aus. In der Begründung, und die könnte den Anwälten jetzt vor Gericht als ein schwerwiegendes Argument gegen die Kündigung ihres Mandanten dienen, würdigte das Staatsoberhaupt den Ausgezeichneten als »einen der konsequentesten Vertreter der Interessen der Opfer der SED-Diktatur«. Der so Geehrte, der nie unter besonders großer Bescheidenheit litt, war verständlicherweise hoch erfreut und bezeichnete die Auszeichnung als eine Würdigung der Arbeit der Gedenkstätte und fügte hinzu: »Es gibt wenige Einrichtungen in Deutschland, die in den letzten Jahren so viel für die Aufklärung über das SED-Unrecht geleistet haben wie die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.«

 

Nein, alles was recht ist, eine solche Koryphäe schickt man nicht in die Wüste. Man könnte sie besser auf den Mond schießen, ohne Rückkehrkapsel!