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Titel2310

Wo geschottert wird  (Hans Krieger)

Der Schotter kommt wie der Schutt vom Schütten, und ans Schütten dachte man auch noch, als für den Eisenbahnbau das Wort »schottern« geprägt wurde; gemeint war das Aufschütten von zerkleinertem Gestein, also Schotter, zum Gleisbett. Wörter aber sind flatterhaft und lieben den kreativen Seitensprung; manchmal springen sie dabei erstaunlich weit. Wer vor einer Woche im Wendland »schotterte«, der tat nicht Schotter aufs Gleisbett, sondern klaubte ihn fort. Er tat also etwas völlig anderes als einst die pflichtgemäß schotternden Gleisarbeiter und hatte doch ganz ähnliche Motive: Er erfüllte einen Auftrag, und es ging ihm um Sicherheit. Nur hatte er seinen Auftrag von einer völlig anderen Autorität und hielt sich an einen ganz anderen Begriff von Sicherheit, der sich nicht danach bemißt, ob ein Zug ungestört von B nach A gelangt. Die Geschichte weiß ja einiges von Zügen, die besser nicht nach A gelangt wären.

Kreativität besteht im wesentlichen im Entdecken neuer Anwendungsfälle für bereits erprobte Denkmodelle. Die neuen Schotterer folgen dem altbewährten Prinzip, daß man etwas weglassen oder wegnehmen muß, damit die Dinge so laufen, wie man es haben möchte. Das funktioniert nicht nur bei fehlenden Schottersteinen im Gleisbett, sondern ebenso bei unterschlagenen Informationen in der politischen Auseinandersetzung und bei mutwillig unterlassenen oder beseitigten Schutzvorkehrungen in der Gesetzgebung. Man muß zum Beispiel nur aus den entscheidenden Gutachten die massiven wissenschaftlichen Bedenken gegen die Eignung von Salzstöcken für die Endlagerung von Atommüll wegschottern, und schon kann man Gorleben als den ultimativen Standort präsentieren. Phantastisch gut funktioniert das Schottern bei der Berechnung der Wirtschaftlichkeit von Kernkraftwerken: Weggeschottert wird die peinliche Tatsache, daß der Atomstrom schon heute mit den erneuerbaren Energiequellen preislich nicht konkurrieren könnte, wenn die Betreiber verpflichtet wären, die Entsorgungskosten in voller Höhe zu tragen, die gewaltigen Subventionen (in dreistelliger Milliardenhöhe) zurückzuzahlen und sich für den denkbaren GAU (der ja »GAU« heißt, weil er denkbar ist) in angemessener, also astronomischer Höhe zu versichern.

Völlig weggeschottert wurde aus dem öffentlichen Bewußtsein die so naheliegende wie dringliche Frage, warum wir uns noch immer den Wahnsinn leisten, hochradioaktiven Müll auf gefährlichen Wegen zur »Wiederaufarbeitung« nach La Hague zu schicken, um ihn dann auf ebenso gefährlichen Wegen wieder zurückzutransportieren, in der Strahlungsaktivität ein wenig reduziert, aber dafür angewachsen in der Masse und ansonsten ohne jeden Sinn und Nutzen. Und wäre die Finanzkrise von 2008/9 jemals so grandios gelungen, wenn nicht beizeiten mit dem Wegschottern gesetzlicher Hemmnisse für die entfesselte Spekulationsgier vorgearbeitet worden wäre? Von »Schottern« sprach man damals freilich noch nicht, man nannte es »deregulieren« – was den Vorteil hat, ein Fremdwort zu sein und damit von Haus aus unanfechtbar überzeugend zu klingen.

Ob das Schottern als Straftatbestand zu gelten hat, ist in der Rechtswissenschaft noch umstritten. Vorherrschend scheint die Meinung zu sein, daß das Schottern in der Politik straffrei bleibt. Denn dort läßt sich noch das Unverantwortbare mit »Verantwortungsethik« rechtfertigen, jener Nobilitierungsformel Max Webers für das alte jesuitische Prinzip, daß der Zweck die Mittel heiligt. Am Gleisbett aber, so wird uns versichert, ist das Schottern nur im ursprünglichen Sinne des Wortes erlaubt: als braves Aufschütten des Unterbaus für den Schienenstrang.