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Titel2408

Schwarzrotgeile Ligatur  (Otto Köhler)

Wir leben im »Gezeitenwechsel«. Beweis: »Hatte Bundespräsident Gustav W. Heinemann auf die Frage, ob er den Staat liebe, noch geantwortete, er liebe seine Frau, so bekundete Horst Köhler nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten Liebe zum Vaterland.« Darüber freut sich der an der TU Chemnitz lehrende »Extremismusforscher« Eckhard Jesse in dem kürzlich erschienenen Band 95 der »Gesellschaft für Deutschlandforschung«. Er handelt von der »Deutschen Identität in Europa« und ist im Verlag mit dem Adler erschienen, der sich das Spruchband »Vincit Veritas« als Markenzeichen gegrapscht hat (Duncker & Humblot, Berlin, 255 Seiten, 98 €).

Jesse hat sich einen Namen gemacht als fürsorglicher Doktorvater jener hessischen Landtagsabgeordneten Carmen Everts, die so lange in geheimen Probeabstimmungen Ja zu Ypsilanti sagte, bis ihr Gewissen aufstand und sie einen Tag vor der Wahl ihre Jesse-Dissertation entdeckte, die ihr ein striktes Nein gebot.

Warum wir nun die nationale Sinnfrage nach einer deutschen Identität stellen müssen, kann Jesse leicht beweisen: »In einer Zeit, in der hohe Arbeitslosigkeit grassiert, in der die Realeinkommen sinken, in der nach wie vor eine gewisse Spaltung der politischen Kultur zwischen Ost und West besteht und in der Phänomene wie Globalisierung und Individualisierung Bindungslosigkeit wie Unsicherheiten fördern« – ja was braucht es da? Richtig, da »bedarf es«, schreibt Jesse, »mehr denn je fester Ligaturen«.

Sind die noch zu haben? Null Problem: »Ein solches Großereignis wie die Fußballweltmeisterschaft [gemeint ist eine Sportveranstaltung im Jahr 2006; O.K.] förderte den Zusammenhalt wie die Zusammengehörigkeit der in einem Land lebenden Bewohner«, analysiert Jesse. Er weiß: »Ein friedlich wogendes Fahnenmeer überflutete Straßen, Stadien und Fanmeilen.«

Jesse weiß auch, daß sein Patriotismus niemals dazu dienen darf, »legitime Interessenkonflikte durch den Rückgriff auf ein Gemeinschaftsgefühl zu verkleistern«. Hartzviermenschen müssen nicht von monatlich 500.000 Euro aufwärts vegetieren, und unser großer Bankster Ackermann braucht auch nicht von 132 Euro zu leben, wie Jesses Chemnitzer Kollege Friedrich Thiessen vorschlägt. Nein, aber: »Patriotismus wirkt angesichts unterschiedlicher Erfahrungswerte der Menschen als einendes Band.« Sagt Jesse heute, der seine Karriere als Geschichtsfeldwebel jener Zitelmann-Bande begann, die im Gefolge Ernst Noltes nachwies, daß Auschwitz eine Erfindung Stalins war, also die Kommunisten durch ihre »Bürgerkriegsdrohungen« Hitler und die Nazis regelrecht dazu gezwungen hatten, die Juden zu vernichten. Nach der »friedlichen Revolution« eroberte der Bayreuther Lehrbeauftragte einen Professorenlehrstuhl im Osten.

Jesse war schon immer ein philanthropischer Antisemit. »Jüdische Organisationen brauchen Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung, um für ihre Anliegen Gehör zu finden«, schrieb er in dem von ihm und Rainer Zitelmann 1990 herausgegebenem Manifest der Geschichtsrevisionisten »Die Schatten der Vergangenheit«. Früher machte, so enthüllte Jesse »ein Schlagetotbegriff wie Antisemitismus« die Runde. Ja, Schlagetotbegriff. Er selbst mußte noch 1990 den Bürgermeister von Korschenbroich gegen die »geradezu hysterische Reaktion« verteidigen, die dessen Vorschlag ausgelöst hatte, zum Ausgleich des Gemeindehaushalts »müßte man schon einige reiche Juden erschlagen«. Was kann an dieser alten deutschen Spruchweisheit schon judenfeindlich sein?

Und ein Ausländerfeind ist Jesse schon gar nicht: »Das Singen der im Text und Ton getragenen Nationalhymne durch nicht in Deutschland geborene, aber im Land integrierte Spieler illustriert das Gemeinte.« Nämlich: »Leitkultur ist keine Leidkultur.«

Die neue Leitkultur. Die alte stammt von Jürgen Habermas (dem einstigen) und hieß »Verfassungspatriotismus«. Doch dieser Verfassungspatriotismus, der, wie Jesse erkennt, »jeden positiven Anklang an nationale Identitäten meidet, hat sich als blutleer erwiesen«. Blutleer, das weiß Jesse: »Ein solcher Patriotismus ist nur ein halber.« Aber: »Der Fußball-Patriotismus war mehr als ein Ersatz-Patriotismus.«

»Schwarzrotgeil« nennt Bild die schwarzrotgelben Fahnen, die auf den Autos klebten. Und schwarzrotgeil sind auch die Fahnen, die auf den Särgen der aus dem Krieg zurückgekehrten Soldaten liegen. Denn unser Patriotismus hat längst schon aufgehört, blutleer zu sein.