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Titel414

Lebenslange Landschaftsliebe  (Peter Arlt)

Mit dem Scherzwort vom »Wald- und Wiesenkünstler« mögen manche Paetzens Kunst als unzeitgemäß abtun. Das erinnert an Apollons Arroganz, der sich den wilden »Wald- und Wiesenmusikanten« Pan und Marsyas überlegen dünkte. Otto Paetz (1914–2006) traf den »Volkston«, der seine Kunst so beliebt macht, feierte im Wechsel der Jahreszeiten lebenslang mit Liebe Landschaften, bevorzugt aus Thüringen. Sein Medium ist die Grafik, vor allem die Radierung, ob Kaltnadel oder Linienätzung mit Aquatinta, und selbstverständlich die Zeichnung, früher auch die Malerei. Alte Medien, handgemacht. Ein Klang, eine Bildsprache, die uns nicht verlorengehen sollte. Denn gebraucht wird diese »Heimatkunst« im besten Sinn schon deshalb, weil die Identität vieler mehr geprägt ist durch Verbundenheit mit dem unmittelbaren Umfeld als mit den übergeordneten geografischen und politischen Strukturen. Paetz‘ Kunst ist ein Beleg dafür, wie sich im regionalen Motiv Welthaltigkeit aussprechen kann.

Als einen bedeutsamen Exponenten der Zeichenkunst hätte die Klassik Stiftung Weimar Otto Paetz zu seinem 100. Geburtstag eine Präsentation ausrichten sollen. Leider bekam er wie Otto Knöpfer, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband, eine Ausstellung in kleinen Räumen, die, vom Publikum überfüllt, auseinanderzubrechen drohte. Nunmehr zeigt die Weimarer städtische Kunsthalle »Harry Graf Kessler« fünfzig Handzeichnungen von Paetz – eine von der Lebensgefährtin Ernestine Dittrich zusammengestellte Auswahl mit dem Titel »Unterwegs«. Glücklicherweise wird die Schau ab 1. Februar zudem mit der Jubiläumsausstellung (Radierungen und Zeichnungen) von der Galeristin Elke Gatz-Hengst in der Galerie »Profil« ergänzt. Desgleichen erinnert Reichenbach (Vogtland), wo Paetz geboren wurde, mit einer Präsentation an ihren Sohn (4. Februar bis 9. März). Schon in seiner Geburtsstadt bekam der Dekorationsmaler künstlerische Förderung. Von 1935 bis 1939 studierte er an der Weimarer Meisterschule für Handwerk und angewandte Kunst. Walther Klemm vermittelte seinem Meisterschüler handwerkliche Grundlagen und eine realistische Orientierung auf die Landschaft, welche dem Naturell von Paetz entsprach. Verwurzelt in dieser Tradition wurde er nach dem Krieg und in den folgenden Jahrzehnten freischaffend tätig und spielte im Kunstleben der DDR, auch in der Fortbildung der Kunsterzieher, eine erfolgreiche Rolle, erhielt 1971 den Kunstpreis der DDR und 1963 wie 2004 den der Stadt Weimar.

Ein Altersselbstporträt eröffnet in der Kunsthalle den Rundgang. Im gemäßigten stilistischen Wandel gestaltete Paetz naturliebend, gemütvoll, doch lapidar, beharrlich und solide im Wechsel der Jahreszeiten vornehmlich Bilder von Feldern, Rainen und Flußtälern, von bewaldeten Bergen, blühenden Gräsern und von Baumreihen, die Wege säumen, die der Künstler immer wieder entlangwanderte und mit dem Moped befuhr. Bäume, die in großer Zahl zu sehen sind und in deren Baumgeäst er sich andächtig vor der Natur vertieft hat, porträtierte er mit Graphit, wie die »Lärche«, 1992, den »Alten Nußbaum«, 2003. Schöne Blätter entstanden mit Aquarellstift, die an van Gogh erinnern und hochsteigende »Feldwege« im Vogtland und Ilmtal, beides 1963, zeigen. Anderes zeichnete er mit der Feder, gemischt mit Kreide, wie »Disteln und Hagebutten«, 1976, wo sich die widerspenstigen Dornen zu einer undurchdringlichen Hecke fügen. Ein anderes herausragendes Blatt der Kunsthalle schuf der Künstler am Lebensende: »Trockenstrauß mit Räuchermann«, eine sublime wie monumentale Manifestation des Lebendigseins, das ließ die in Tusche getauchte Feder auf dem großen Blatt hin und her fegen, daß sich die dünnen Linien vibrierend den feinen Röteltönen verbinden. Mit solch lebenswütender Spur gibt Otto Paetz den Widerpart zum allegorischen Austrocknen des Lebens. Andere farbige Arbeiten erfreuen in der Galerie »Profil«.

Paetz‘ Naturstudium erschöpfte sich nicht im Erfassen der Naturformen, sondern war mit Meditation verbunden, mit der metaphysischen Absicht, das Ganze zu denken. Den Studien wächst die Qualität des Bildmäßigen zu. Weimarer Ansichten und Landschaften wölben sich zu »Thüringer Berge«. Mit hohem Horizont bis in Bildrandnähe; unter ihren schwarzen Flächen brachte Paetz die Waldwiesen zum Leuchten. In vieles fließt versteckte Metaphorik, so wenn Paetz in der Nähe von Wohnhäusern, das Refugium eines »Verwilderten Gartens«, 1993, eingezäunt für schützenswert hält. In die »Spuren zeitloser Beständigkeit« (Richard C. Crisler) verwob Otto Paetz solche der Lebensgegenwart.

Besonders schöne Arbeiten bleiben jene Radierungen, in denen der Kontrast kraftvoll, manchmal mit konstruktiven Zügen, oder subtil, fast wolkig, gestaltet wurde zwischen der Helligkeit schneebedeckter Äcker, sonnenüberglänzter Felder, blühender Bäume und der Dunkelheit von Wäldern, Dörfern, Burgen, Baumgeäst und einem tonigen Himmel, in dem die Märzensonne schwimmt. Grafiken und Zeichnungen, in denen Berge unterm hohen Horizont liegen, Krähen in Ackerfurchen den Lebenslinien der Erde folgen und Wege sich kreuzen und gabeln, einbiegen und enden – Lebenswege, holprig und gewunden, von der Zeit geschmiedet, daß sie leuchten.

Otto Paetz ist dank seiner Landschaftsbilder ein Künstler von nationaler Bedeutung und internationaler Anerkennung, ein Exponent deutscher Zeichenkunst, die vielleicht überhaupt den originärsten Beitrag Deutschlands zur europäischen Kunst darstellt. Mit seinen Baum- und Wege-Bildern bereicherte Paetz die europäische Profanikonographie.

Kunsthalle »Harry Graf Kessler«, Weimar, Goetheplatz 9 b, bis 23. März, Di-So 10-17 Uhr; Galerie »Profil«, Weimar, Geleitstraße 8, Mi-Fr 12-18, Sa 10-16 Uhr und nach Vereinbarung (03643-499801)