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Titel082013

Die Spiegel-Recherche  (Otto Köhler)

Am Sonntag, den 10. März, um 14.51 Uhr – so ist es angegeben –, titelte Spiegel online (Spon): »Sechziger Jahre: Frühere SS-Mitglieder bildeten eigenen Nachrichtendienst.«

Der dazugehörige Text begann: »Sie trafen sich regelmäßig und sollen sogar Sprengstoff nach Südtirol geliefert haben: Nach Spiegel-Informationen bildeten frühere Mitglieder des SS-Sicherheitsdienstes noch in den sechziger Jahren ein enges Netzwerk. Die Männer hielten auch Verbindung zum Verfassungsschutz.«

Irgend etwas stimmte da nicht, denn die ersten fünf Kommentare von Spon-Lesern gab es schon vorher, seit 14.06 Uhr. Aber das nur am Rande.

Die Spon-Meldung vom Sonntag erschien am Montag auch im gedruckten Spiegel: Die ehemaligen SD-Leute, hieß es weiter – bildeten in den frühen sechziger Jahren ein Netzwerk, das Verbindungen zu den Geheimdiensten der Bundesrepublik unterhielt und an Sprengstoffanschlägen in Südtirol beteiligt gewesen sein soll. Das gehe aus einem »streng geheimen« Vermerk hervor, den die Bundesregierung jetzt freigegeben habe. Der Spiegel weiter: »Dem Vermerk zufolge informierte die Spitze des Bundesnachrichtendienstes bei einer Tagung 1963 Beamte des Kanzleramts über die ›regelmäßigen Zusammenkünfte ehemaliger SD-Leute‹: Diese bildeten einen ›internen Nachrichtendienst‹, an dem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes mit SS-Vergangenheit teilnähmen. Zudem gebe es ›Querverbindungen‹ zum Bundesamt für Verfassungsschutz.«

Das ist unzweifelhaft richtig. Richtig ist allerdings auch, daß ein besonders enges Netzwerk von ehemaligen Angehörigen des Sicherheitsdienstes SD schon lange vor den sechziger Jahren tief in die Spiegel-Redaktion reichte. SS-Hauptsturmführer vom SD Georg Wolff schrieb sich zusammen mit seinem gleichrangigen Kollegen Horst Mahnke durch eine antisemitische Spiegel-Serie so tief in Rudolf Augsteins Gunst hinein, daß er beide rasch zu Ressortleitern ernannte. Beide arbeiteten zugleich für den Bundesnachrichtendienst. Versteckte Nachrichten für das SD-Netzwerk wurden fortan über das deutsche Nachrichtenmagazin verbreitet.

Für ein investigatives Nachrichtenmagazin hätte die Meldung vom 10. März, wenn nicht nach einer Spiegel-Serie, so doch nach einer ausführlichen Geschichte geschrien. Doch da kam bisher, in den letzten drei Spiegel-Wochen, nichts. Den Spiegel, der seine Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet hat, kann man erpressen.

Aber auch kein anderes großes deutsches Medium griff diese Spiegel-Meldung auf. Denn sie handelte nicht – aber das ist ein unzulässiger Vergleich – von der Stasi.

Das müssen wir verstehen. Der SD, zu dem die beiden Spiegel-Redakteure gehörten, hat Berge von Leichen hinterlassen, die Stasi aber Berge von Akten.

Ein investigativer Journalist weiß, wem er da den Vorzug gibt.