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Digitalisierung (1): Internetökonomie  (Marcus Schwarzbach)

In vier Beiträgen wird sich Marcus Schwarzbach Fragen der Digitalisierung zuwenden. In Folge eins befasst er sich mit der Internetökonomie: neues  System, alte Fragen.

 

Zur Jahrtausendwende wurden noch große Hoffnungen in eine Internetökonomie gesetzt, die von kleinen Anbietern und dezentralen Strukturen geprägt sein sollte. Die Anfänge der breiten zivilen Nutzung des Internets waren verbunden mit der Idee des Einsatzes quelloffener Software: open source. Freie Betriebssysteme wie Linux sollten ein gemeinsames Weiterentwickeln und Nutzen der Software ohne große Kostenermöglichen. Eine daran anknüpfende Idee ist die Share Economy. Dazu gehört das systematische Ausleihen oder gemeinsames Nutzen von Gegenständen über eine Internet-Plattform. Dies kann zum Beispiel bei Gartengeräten sinnvoll sein, da so nicht jeder selbst Gerätschaften kaufen muss.

 

Ein Negativbeispiel dafür sind die Angebote des US-amerikanischen Dienstleistungsunternehmens Uber; so soll beispielsweise als Konkurrenz zu Taxifahrern jeder Nutzer andere im Fahrzeug mitnehmen können. Das Internet sorgt hier für Dumping-Konkurrenz der Taxibranche, denn die niedrige Bezahlung, fehlende Sozial- und Unfallversicherung ermöglichen niedrige Preise. Der Gewinner sind die Eigentümer der Plattform https://www.uber.com/de/. Auch bei Wohnungen ist der Sharing-Gedanke finanziell lukrativ. Die Vermietung an Urlauber über den Marktplatz Airbnb kann jeder vornehmen. Aber: Wer haftet für Schäden? Airbnb schließt diese Haftungsfragen aus, kassiert aber Gebühren für die Vermietungsvermittlung.

 

Der preisgekrönte Informatiker Jaron Lanier spricht von einer »Fake Economy«, einer Schwindelindustrie – so wird eine fortschrittliche Idee, das Teilen von Gütern in einem kollektiven Rahmen, zur Gewinnmaximierung einzelner genutzt, im Sinne einer kapitalistischen Logik und mit Schaden für die Gesellschaft (http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2015/Schoene-neue-Welt-Der-Preis-des-Teilens,fakeeconomy180.html).

 

»Aber das bedeutet nicht, dass die alten Fragen – die nach Monopolen, Imperialismus, der Verbindung zwischen der Kriegsindustrie auf der einen und Innovationen auf der anderen Seite –, dass all diese Fragen sich erledigt hätten«, ist sich der Netzkritiker Evgeny Morozov sicher, »auch wenn sie heute zweifelsohne unter Hightech-Bedingungen operieren.« (Wagner: »Das Netz in unsere Hand!«, Seite 46, s. auch Ossietzky 8/2017). Denn gerade das Internet ist ein gutes Beispiel für die Konzentration wirtschaftlicher Macht. Einige international tätige US-Konzerne dominieren einen Großteil des Internets monopolartig:

Der Internethandel ist die Domäne von Amazon. Beim Vergleich der zehn größten Internethändler in den USA erwirtschaftete Amazon weltweit einen höheren Umsatz im Internethandel als die folgenden neun Konzerne zusammen.

 

Im Bereich der Suchmaschinen herrscht Google. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2014 entfielen weltweit 70 Prozent aller Suchanfragen auf dem Desktop und 91 Prozent auf Tablets und Smartphones auf den Marktführer.

 

Im Bereich der sozialen Netzwerke hat sich Facebook zum weltweit dominierenden Unternehmen entwickelt. Ehemals führende Plattformen wie MySpace oder StudiVZ in der Bundesrepublik wurden bedeutungslos.

 

Auch der schnell wachsende Markt für Internetwerbung ist hochkonzentriert. In den USA entfallen etwa 70 Prozent des gesamten Werbe-Umsatzes im Internet auf zehn Unternehmen, allein der Marktführer Google erhielt in den USA gut 50 Prozent der Internet-Werbeeinnahmen (s. Schwarzbach: »Work around the clock?«).

 

»Das Monopolkapital fällt in die Hände einer neuen Spezies von Unternehmern«, macht Christoph Keese deutlich. Keese arbeitete lange Jahre für die Financial Times Deutschland und ist heute im Springer-Konzern tätig, also keinesfalls ein Kapitalismuskritiker (Wagner: »Das Netz in unsere Hand!«, Seite 46).

 

Durch die Digitalisierung sind diese Tendenzen auch in der Metallindustrie erkennbar. Die zur Entwicklung veränderter Arbeitsabläufe und neuer Produkte erforderlichen Kapitalvorschüsse können in zentralen Bereichen oft nur noch durch Kooperation von Konzernen und Staaten aufgebracht werden. Sie können nur dann amortisiert werden, wenn anschließend erhebliche Weltmarktanteile erobert werden. »Deswegen investieren große Konzerne hierzulande viel Geld in die Entwicklung neuer Technologien: Bei Bosch sind es 500 Millionen Euro pro Jahr. Bei Siemens beschäftigt sich mittlerweile mehr als die Hälfte der rund 30.000 Mitarbeiter der Forschungsabteilung mit Softwareentwicklung«, berichtet die Journalistin Jennifer Fraczek (s. Schwarzbach: »Work around the clock?«).

 

Von solchen Möglichkeiten können viele Mittelständler nur träumen. Sie bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, fast zwei Drittel aller Beschäftigten arbeiten in kleinen und mittleren Unternehmen. Ihre Zurückhaltung gegenüber der Digitalisierung ist groß. Die Folge kann eine weitere Kapitalkonzentration sein: Unternehmen verschwinden vom Markt, Arbeitsplätze werden abgebaut und Aufgaben von Großkonzernen übernommen, die durch die neue Technik effektiver sind.

 

 

Nähere Informationen bietet »Ausgeträumt? Demokratie & Internet«, Report 105 des isw in München, siehe www.isw-muenchen.de/produkt/report-105/.