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Titel118

Die Bewirtschaftung des Geistes  (Eduard Meusel)

Sprache und Musik gelten gemeinhin als zwei zentrale Säulen unserer Kultur. Ohne sie wären zahlreiche kulturelle Errungenschaften der Menschheit nicht zu denken: Lyrik, Romane, große Dramen, Theater, Oper, Symphonien, Lieder – noch nicht einmal Verständigung der Menschen untereinander. Kurzum: Das Leben wäre ohne sie recht trist, einsam und einfältig. Doch kommen diese Dinge nicht von ungefähr. Schon unser Begriff Kultur verweist in seinen Ursprüngen auf die Arbeit, die dahintersteckt, vergleicht Cicero doch die cultura animi (Tusc. 2, 13), die Bewirtschaftung des menschlichen Geistes, mit der agricultura, der Bewirtschaftung des Feldes, der Landwirtschaft: ut ager quamvis fertilis sine cultura fructuosus esse non potest, sic sine doctrina animus (So wie selbst ein fruchtbarer Acker ohne Bewirtschaftung keinen Ertrag erbringen kann, so kann es ohne Unterweisung auch der menschliche Geist nicht.) Der Weg zur Kultur ist also ein mühevolles Unterfangen, das den Menschen aus seinem anfänglichen Zustand der Unbedarftheit herausführt. Diesen Weg kann der Mensch aber nicht allein gehen, er bedarf einer gewissen Unterweisung (doctrina). Das erkannte schon Platon, wenn er den Philosophen, nachdem er das Licht der Wahrheit erblickt hatte, wieder in die Höhle hinabsteigen ließ und es ihm zur Aufgabe machte, die verbliebenen und nur im Schein künstlichen Lichts lebenden Menschen gegen all ihre inneren Widerstände von dort hinauszuführen – so machte er einst den Philosophen zum Pädagogen und Lehrer.

 

Heute ist man von einer ähnlich großen Wertschätzung für die Lehrtätigkeit meilenweit entfernt. Zwar spielt das Lernen – allen voran das ökonomisch verwertbare, also der »Erwerb von Kompetenzen« – eine so große Rolle wie selten zuvor in der Geschichte. Das zeigt etwa der eklatante Anstieg der Studierendenzahlen an deutschen Hochschulen in den vergangenen Jahren. Doch wird kaum die Frage aufgeworfen, wer den Studierenden zu diesem Lernen verhelfen, wer sie aus der Höhle führen soll. Es ist der von Zygmunt Bauman beschriebene Wandel einer Produktions- hin zu einer Konsumptionsgesellschaft, der sich hier auch im Bildungswesen Bahn gebrochen hat. Alles ist auf den Konsum des Wissens konzentriert, der Ort seiner Produktion und die mühevolle Arbeit der Produzenten hingegen treten in den Hintergrund. In grober Fahrlässigkeit wird gleichwohl missachtet, dass das eine ohne das andere nicht zu haben ist, dass ein untrennbares reziprokes Verhältnis zwischen Lehre und Lernen, konkret zwischen Lehrer*in und Lernendem/r, besteht – und das nicht nur als eine Abhängigkeitsbeziehung zwischen Herr*in und Knecht/Magd im Hegel’schen Sinne, sondern als ein diskursives Spannungsverhältnis zum/r Anderen. Dort nämlich liegt die eigentliche »Produktionsstätte« des Wissens: in der Auseinandersetzung mit dem Nicht-Immanenten, der Konfrontation mit dem, was nicht Ich bin, mit dem Fremden.

 

Ein solch grundlegender Wandel hat freilich Spuren in der deutschen Wissenschafts- und Hochschullandschaft hinterlassen. Der Stellenwert der Lehre trat in den letzten Jahrzehnten immer weiter hinter dem der Forschung zurück. Wie ließe sich sonst erklären, dass unlängst selbst ein Gremium wie der Wissenschaftsrat in einem seiner letzten Strategiepapiere über Maßnahmen für eine »Stärkung und Verbesserung von Lehre« räsonieren musste oder sich eine »Elite-Universität« wie die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zu Lippenbekenntnissen in Form eines Programms wie »Lehre@LMU« genötigt sieht, das sich bezeichnenderweise nicht einmal aus eigenen Haushaltsmitteln der LMU, sondern allein aus öffentlichen Mitteln Dritter (also Sonderzuweisungen durch den Staat) speist. Am unmittelbarsten schlägt sich der Wandel aber in der Rolle der Lehrenden selbst respektive deren Beschäftigungsverhältnissen nieder. Denn letztere haben in den vergangenen Jahren eine beispiellose Prekarisierung erfahren, wie sie nur in wenigen Berufsfeldern in dieser Radikalität zu beobachten war. Wo früher noch fest angestellte akademische Rät*innen oder Assistent*innen, – man mag es kaum glauben – sogar Professor*innen den Großteil der Lehre leisteten, wird diese heute meist nur mehr von flexibel und unter geringem Kostenaufwand einsetzbaren Lehrkräften abgewickelt.

 

Zu diesen zählen ganz besonders die Lehrbeauftragten, deren Situation ein Musterbeispiel dafür abgibt, welches Ausmaß der Rationalisierungs- und der Flexibilisierungswahn mittlerweile selbst in Bereichen wie der Bildung, die gemeinhin immer noch als Kernaufgabe des Staates anerkannt ist, erreicht haben. Denn Lehrbeauftragte entbehren nahezu aller Arbeitnehmerrechte, für die die Gewerkschaften in anderen Beschäftigungsbereichen jahrelang gekämpft haben: Sie haben keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Mindestlohn – berücksichtigt man auch die zahlreichen und nicht vergüteten Vor- und Nachbereitungsaufgaben, liegt ein Stundensatz meist deutlich unter zehn Euro. Sie besitzen noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag, sondern werden meist nur einseitig von den Hochschulen bestellt. Damit haben sie keinerlei Anrecht auf Kündigungsschutz und können kaum länger als ein halbes Jahr im Voraus planen – denn Lehraufträge werden in aller Regel von Semester zu Semester neu vergeben. Von einem Vertretungsrecht durch den Personalrat oder der Möglichkeit zur Mitbestimmung an der Hochschule, etwa in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung, muss an dieser Stelle erst gar nicht die Rede sein. Fatal ist zudem – aber auch das kennt man aus marktwirtschaftlichen Zusammenhängen –, dass eine derart flexible Personalkategorie wie die der Lehrbeauftragten, deren Einstellung für den Arbeitgeber nur mit wenigen Risiken verbunden ist, auch zu einer Konkurrenzsituation mit dem übrigen Personal führt. Da Lehrbeauftragte mittlerweile die gleichen Aufgaben wie die regulär an den Hochschulen Beschäftigten, also vorwiegend wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter*innen, übernehmen, geraten auch letztere in immer größeren Legitimationsdruck (wobei es sich eigentlich verbietet, in diesem Fall von »regulär Beschäftigten« zu sprechen, sind doch auch mehr als 90 Prozent von ihnen nur befristet angestellt, zum Teil mit Vertragslaufzeiten von weniger als einem halben Jahr). Es ist das altbekannte Spiel des Neoliberalismus: Die Not der Schwachen wird gegen die Not der Schwächsten ausgespielt.

 

In Bayern ließen diese Zustände den Leidensdruck zweier Gruppen der insgesamt mehr als 12.000 Lehrbeauftragten nun derart anwachsen, dass sich diese im November zur Aktion gerufen sahen. Es handelt sich um die Lehrbeauftragten an den Musikhochschulen und den Sprachenzentren, also just jener beiden Bereiche, die für so zahlreiche kulturelle Errungenschaften wie eingangs erwähnt verantwortlich gemacht werden können. Aus einer Anfrage an das bayerische Wissenschaftsministerium geht hervor, dass gerade sie trotz ihrer höchst prekären Situation an den Hochschulen und Instituten oft weit mehr als die Hälfte aller Lehrangebote übernehmen. So ergibt sich der paradoxe Umstand, dass sie als Personen zwar leicht zu ersetzen, als Personengruppe für das System der hochschulischen Lehre aber unersetzlich sind. Um dem Missverhältnis lautstark Ausdruck zu verleihen, zogen Musiklehrbeauftragte aus ganz Bayern in München vor die Staatskanzlei, wo sie unter musikalischem Getöse für bessere Bedingungen, im Mindesten aber eine höhere Vergütung der Lehraufträge demonstrierten. Ihre Forderungen bekräftigten sie mit einem sich daran anschließenden zweiwöchigen »Streik«. Einen anderen Weg verfolgten die Kolleg*innen am Sprachenzentrum der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Sie schlossen sich unter Beteiligung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zu Aktivengruppen zusammen, die in Informationsveranstaltungen an der Universität und an Informationsständen in der Innenstadt über die rechtlichen Grundlagen und Interventionsmöglichkeiten der Lehrbeauftragten aufklärten. Von der GEW unterstützte Klagen vor dem Arbeitsgericht sollen folgen. Ein Brief der Betroffenen an Wissenschaftsminister Spaenle und die Präsident*innen und Kanzler*innen der bayerischen Hochschulen, der seit November zur Unterschrift ausliegt, soll Anfang des Jahres übergeben werden.

 

Es ist sicherlich kein Zufall, dass es unter den ohnehin schon äußerst angespannten Verhältnissen ausgerechnet die Bereiche Musik und Sprachen besonders hart trifft. Die Tatsache, dass diese Fächer dem am prekärsten situierten Lehrpersonal an den Hochschulen überlassen werden, ist nämlich nicht allein Ausdruck einer marktkonformen Politik, die Arbeitnehmer*innen gegenüber durch und durch feindlich gesinnt ist, sondern auch Zeichen einer unterbewussten und mittlerweile tief in der Gesellschaft verankerten Kulturaversion. Sprachen und Musik sind – wie viele Geistes- und Kulturwissenschaften generell – im Vergleich zu den naturwissenschaftlichen Fächern nicht ohne größeren Aufwand verwertbar, da sie sich nicht unmittelbar in Konsumgüter übersetzen lassen. Sie leben gerade vom unverwertbaren Rest, vom Inkommensurablen, von der Überschreitung des rein Notwendigen, womit sie schon wesensmäßig das kapitalistische Grundmuster der Konsumption in Frage stellen und dagegen aufbegehren. Dass ein kapitalistisches System daher kein großes Interesse an ihnen haben kann und sie als potentielle Unruheherde auch nicht noch nach Mitteln fördern will, versteht sich von selbst. Vielmehr wird durch eine »Eventisierung« des kulturellen Sektors versucht, den eigentlichen und im Stillen sich vollziehenden Kulturabbau zu kaschieren. Doch ganz lässt sich die Malaise nicht verbergen: Nicht nur in den prekären Beschäftigungsverhältnissen der Lehrbeauftragten tritt sie klar zu Tage, auch in der ausgeprägten Verunsicherung der gesamten Gesellschaft über die eigene kulturelle Identität wird sie leidvoll sichtbar und schlägt sich in einer Skepsis bis hin zu einem Hass gegenüber allem Fremden nieder.

 

Einem Cicero oder einem Platon wäre eine derartige Verunsicherung freilich gänzlich fremd gewesen. Nicht nur dass der gemeine Grieche oder Römer sich seiner selbst und seiner Zugehörigkeit stets bewusst und sicher fühlen konnte; auch der Kulturbetrieb als solcher war in der klassischen Antike untrennbar mit der Politik verwoben, sogar einer dessen elementarer Wesenskerne – man denke nur an die attische Tragödie. Dementsprechend wurden die damaligen Kulturschaffenden auch entlohnt. Sie zählten zu den bestverdienenden Beschäftigungsgruppen der Gesellschaft – selbst und insbesondere die moralisch von vielen so in Zweifel gezogenen Sophisten, die als eine Art Wanderlehrer als antike Vorläufer der neuzeitlichen Lehrbeauftragten angesehen werden können. Die Lehrbeauftragten der heutigen Zeit erhalten dagegen oft nicht einmal das Quantum, das zu ihrer eigenen Reproduktion und Erhaltung nötig wäre: Sie sind moderne Lohnsklaven. Die kulturelle Betätigung nimmt der aktuelle Zeitgeist als einen unnötigen und verzichtbaren Luxus wahr oder unterwirft sie gleich den Gepflogenheiten des freien Marktes. Man darf aber nicht vergessen: Kultur – und zu ihr gehört auch die Lehre – ist nicht nur prägend für das politische Leben, sie ist auch harte Arbeit; sie hat ihren Wert. In der Sprache des Kapitals heißt das: Sie kostet Geld. Leisten will sich dies heute indes niemand mehr. O tempora, o mores!

 

 

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