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Titel2214

Legendenzerstörung  (Wolfgang Beutin)

Zu den vornehmlichen Aufgaben der Ideologiekritik zählt die Legendenzerstörung, deren berühmtestes Beispiel Franz Mehring schuf: »Die Lessing-Legende« (1891/92). Marxistisch argumentierend, denunzierte er die Beschlagnahmung der Gestalt des Aufklärers durch reichsdeutsche Apologeten, die diesen mißbräuchlich zur Verklärung preußisch-deutscher Geschichte benutzten. Daß dem Werk der Zerstörung daneben konstruktive Aspekte eigen sind, zeigt der Blick wiederum auf Lessings Schriften, darunter seine Texte mit der Gattungsbezeichnung »Rettungen«: Hier wurden Persönlichkeiten aus 2000 Jahren von konventionellen Schmähungen ihres Andenkens gereinigt. Die Dialektik von – fälschlicher – Vergötterung und – unberechtigter – Schmähung geht schon aus Mehrings Untertitel hervor: »Eine Rettung«. Sie ist eine Legendenzerstörung, von der anderen Seite betrachtet, die Befreiung einer Persönlichkeit und ihrer Lebensleistung von ideologisch-mythologisierender Klitterung.

Das Vorhaben der Legendenzerstörung kündigt Rolf Bergmeier (Historiker, Schwerpunkt: Spätantike/frühes Mittelalter) in seinem Buch »Christlich-abendländische Kultur« sofort mit dem ersten Untertitel an: »Eine Legende«. Mit dem zweiten Untertitel verspricht er, beide Dimensionen zum Zuge kommen zu lassen, die rettende und die destruktive: »Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur«. In der Einleitung negiert Bergmeier eine weitere Legende: das Panier einer »christlich-jüdischen Tradition«, wie es zum Beispiel die CDU 2007 in ihrem Grundsatzprogramm hißte. Bergmeier benennt jüdische Forscher, deren Zeugnisse erweisen, »daß sich Juden einem christlich-jüdisch-abendländischen Geschichtsbild verweigern«. Eignete sich die Christenheit seit dem Altertum das jüdische Alte Testament an, es mit dem Neuen zur ›Bibel‹ verschmelzend, berechtigt dies Vorgehen eben keineswegs, fortan Judentum und Christentum in einer christlich-jüdischen (oder jüdisch-christlichen) Tradition vereinigt zu denken.

Der Historiker beruft sich auf ältere Autoren wie Alexander von Humboldt (»Die Araber … verscheuchten die Barbarei«) und jüngere, etwa Ernst Bloch, der dem stupenden Kulturverfall im »Frühmittelalter« die gleichzeitige Kulturblüte in der arabischen Welt, vor allem im islamischen Spanien gegenüberstellte. Damit entmythologisiert Bergmeier zugleich den Ursprung der Renaissance: angeblich »die ›Wiedergeburt‹ der Antike«, aber »in Wahrheit der Import griechisch-arabischer Kultur«. Der Behauptung mancher Mediävisten, es wäre die Gründung »abendländischer« Universitäten seit dem Hochmittelalter (Bologna, Paris, Wien, Heidelberg …) vorbildlos, hält er das Vorbild vorgängiger Gründungen in der arabischen Welt entgegen. Mit diesem Hinweis und vielen weiteren möchte der Autor eine Veränderung in der Gedankenwelt der Gegenwart bewirken: die Durchbrechung eines umfassenden Verschweigens, des Verschweigens des Beitrags »der arabisch-islamischen Kultur«, ein Vorhaben, mit dem er sich der bodenlosen Lügenkampagne von Sarrazin und Gefolge entgegenstemmt. Mit dem zurechtgerückten Bild der älteren arabischen Welt ändert sich zugleich das Bild der griechischen und römischen Antike. Rom demonstriere, »wie Politik zu betreiben ist und wie man ein ethnisch und religiös diffuses Reich fünfhundert Jahre lang politisch und weltanschaulich zusammenhalten kann«. Das ist ein Plädoyer für die Erneuerung der Sicht auf das antike Rom, wie es zuvor, vor hundert Jahren, bereits von der Tschechischen Moderne angemahnt worden ist (in Josef Svatopluk Machars grandiosem, von Emil Saudek übersetzten Entwurf »Rom«, 1906/07).

Mit seinem Buch beabsichtigt Bergmeier, im Einklang mit dem Berliner Mittelalterforscher Michael Borgolte, die Widerlegung eines »monolithisch christlichen Mittelalters«. Selber konstatiert er drei Ursprünge »europäischer« Kultur: in der Antike; »ein zweites Mal, als eine überlegene arabische Kultur Mitteleuropa befruchtet und damit die Renaissance einläutet«; »ein drittes Mal …, als sich in humanistischer Empörung über den feudalistischen Dünkel einer kirchlich-weltlichen Elite eine philosophische Gegenwelt bildet«. Das ist die Aufklärung, »der Höhepunkt europäischer Geistesgeschichte«.

Es seien die Parolen »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, die das Beste bildeten, was in Europa hervorgebracht wurde. Es seien nicht die Legende von einer jüdisch-christlichen Tradition, nicht die Rede vom christlichen Abendland, nicht eine obskure »Kongregation für Glaubenslehre«, deren Anspruch »antidemokratisch, anti-wissenschaftlich, anti-griechisch« sei, schon gar nicht der »Kreuzzug gegen das Böse«. »Die Tagebücher der christlichen Kirche und der westlichen Welt sind mit Trennendem und Schändlichem reichlich gefüllt und das Sündenregister des Westens ist lang. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns mit der Absicht aufmachen, das Zusammenleben der Völker des Mittelmeerraumes einträglicher zu gestalten.« (Sprachkritik: »einträglich« verweist aufs Monoman-Ökonomische; wäre hier nicht zu setzen: »einträchtiger«?)

Rolf Bergmeier: »Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende. Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur«, Alibri-Verlag, 2014, 238 Seiten, 18 €