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Titel2518

Die verschleierte Brutalität der US-Allianz  (Joachim Guilliard)

Als die syrische Armee begann, mit russischer Unterstützung die Provinz Idlib zurückzuerobern, setzte im Westen sofort wieder ‒ wie bei der Befreiung Ost-Aleppos oder der Ost-Ghutas ‒ ein Sturm der Entrüstung ein. Obwohl die dominierenden Kräfte unter den Gegnern jeweils dschihadistische Gruppen waren, die dem »Islamischen Staat« (IS oder arab. despektierlich »Daesch«) an Brutalität und rückständiger Ideologie kaum nachstehen, werden syrisch-russische Offensiven gegen sie durch westliche Medien und Politiker stets als rücksichtloser Krieg gegen die gesamte Bevölkerung des betroffenen Gebietes angeprangert, während die der US-geführten Allianz in Syrien und im Irak durchweg positiv als alternativlose Feldzüge gegen den Daesch dargestellt werden. Das Bild eines sauberen, präzise gegen den Daesch gerichteten Krieges mit wenigen zivilen Opfern, das die beteiligten NATO-Streitkräfte vermitteln, wird dabei unhinterfragt übernommen.

 

Der syrischen und russischen Luftwaffe wird, zum Teil in regelrechten Kampagnen, vor allem der Einsatz einfacher ungelenkter Bomben oder gar primitiver »Fassbomben«, vorgeworfen. Auch die Kommandeure der Streitkräfte der USA und anderer NATO-Staaten heben in der Verteidigung ihrer Kriegsführung stets die höhere Präzision ihrer Waffen und die Anstrengungen ihrer Einheiten hervor, Kollateralschäden zu minimieren.

 

Eine Studie der britischen Initiative Airwars über die Luftkriege in Syrien und im Irak zeigt jedoch, dass die höhere Präzision der Waffen der NATO-Staaten beim Einsatz in dicht besiedelten urbanen Schlachtfeldern keineswegs geringere zivile Schäden und weniger Opfer verursacht. Die Analyse der Beobachtergruppe, die täglich Berichte über Luftangriffe, eingesetzte Munition und zivile Opfer in den beiden Länder auswertet, deutet darauf hin, dass sie sogar zu noch größeren Schäden führen. Durch das größere Vertrauen in ihre Treffsicherheit seien die Militärs, so der Verdacht, häufiger bereit, Explosionswaffen mit großer Sprengkraft in bevölkerungsreichen Stadtvierteln einzusetzen.

 

Die verdienstvolle britische Initiative bemüht sich um Objektivität, übernimmt jedoch beim Blick auf den Krieg in Syrien zum großen Teil die westliche Sichtweise. So wird das militärische Eingreifen Russlands in Syrien generell wesentlich kritischer gesehen als das der NATO-Staaten. Während Airwars sich auch auf syrische oppositionelle Quellen, wie das Syrian Network for Human Rights, das Violation Documentation Center (VDC) und die berüchtigten »Weißhelme« stützt, werden andere regionale Quellen, wie beispielsweise russische und iranische Medien, nicht berücksichtigt. Nur dort gemeldete Opfer finden daher keinen Eingang in ihre Datenbank, nicht einmal in ihrer Kategorie »schwach belegt« (s. Ossietzky 25/2016).

 

Durch die unterschiedliche Quellenlage dürfte der Prozentsatz der von Airwars erfassten Opfer bei Angriffen der US-Allianz deutlich niedriger liegen als bei syrischen und russischen. Dennoch kommt die Initiative in ihrer Untersuchung zum Ergebnis, dass die Angriffe der russischen Luftwaffe in Aleppo und Ost-Ghuta nicht mehr zivile Opfer gefordert haben als die der Allianz. Setzt man ihre Zahl jeweils in Beziehung zur Zahl der Angriffe und der Menge und Sprengkraft der eingesetzten Munition, so zeige sich in allen Fällen eindeutig, dass die Zahl der dabei getöteten Zivilisten hauptsächlich von der Intensität des Bombardements und der Bevölkerungsdichte im Zielgebiet abhängt.

 

Man benötigt wenig Phantasie, um dies zu erklären. Was nützt eine Zielgenauigkeit von zehn Metern, wenn Bomben mit 500 Kilogramm Sprengstoff oder mehr auf enge Viertel wie die Altstadt von Mossul abgeworfen werden, wo jede Bombe mehrere Gebäude zum Einsturz bringen kann. Was nützt die beste Zielgenauigkeit, wenn keine Informationen vorliegen, wo sich wie viele Zivilisten aufhalten. Mit Luftaufklärung allein, auf die sich die US-Allianz nahezu ausschließlich stützen musste, lassen sich militärische Ziele nicht zweifelsfrei ausmachen und noch weniger die Zahl der Menschen, die sich in diesen oder in angrenzenden Gebäuden aufhalten ‒ selbst wenn dies tatsächlich von Interesse gewesen wäre. Daran bestehen jedoch starke Zweifel. Um die Verluste der eigenen Seite zu minimieren, waren bereits unter US-Präsident Barack Obama die Einsatzregeln für die US-Luftwaffe gelockert worden. Die Entscheidung über Luftangriffe wurde zunehmend auf lokale Kommandeure verlagert. Diese konnten nun schon sogenannte Luftunterstützung anfordern, wenn aus einem Gebäude auf sie gefeuert wurde. Die Trump-Regierung eskalierte im Mai 2017 die rücksichtslose Kriegsführung noch weiter, in dem sie das »Einkreisen und Auslöschen« des Daesch als neue Taktik anordnete. Die Rückkehr der in seinen Reihen kämpfenden Ausländer in die USA oder nach Europa sollte durch das Töten möglichst vieler Daesch-Mitglieder vor Ort verhindert werden.

 

Es ist daher dreist, wenn Sprecher der US-Streitkräfte behaupten, die Präzision ihrer Angriffe hätte es erlaubt, den IS mit geringen zivilen Opfern aus Raqqa zu vertreiben. Diese Behauptung wurde von westlichen Medien kritiklos wiedergegeben, obwohl sie, wie eine zweiwöchige Recherche von Amnesty International (AI) vor Ort zeigt, nicht einmal einer oberflächlichen Betrachtung standhält. Das AI-Team untersuchte anhand des Schicksals von vier Großfamilien exemplarisch die tödlichen Folgen der »präzisen« Angriffe. Am eindringlichsten beschreibt der Fall der Familie Badran das Grauen, das die verbliebene Bevölkerung in der einst 400.000 Einwohner zählenden Stadt erleiden musste. 39 Familienmitglieder und zehn Nachbarn waren durch vier verschiedene Luftangriffe auf die Gebäude getötet worden, in denen sie Schutz gesucht hatten, »als sie von Ort zu Ort flohen, verzweifelt bemüht, den sich schnell verlagernden Frontlinien auszuweichen«. Die anderen drei Familien hatten 42 Todesopfer zu beklagen, 33 davon ebenfalls durch Luftangriffe, die ihre Häuser in Schutt und Asche legten. Sieben starben durch Minen des Daesch, als sie dem Inferno entfliehen wollten und zwei durch Mörsergranaten, abgefeuert wahrscheinlich von den hauptsächlich aus syrisch-kurdischen Kämpfern bestehenden Bodentruppen der Allianz. Keines der getroffenen Gebäude hatte übereinstimmenden Zeugenaussagen zufolge zu diesem Zeitpunkt Kämpfer beherbergt, nichts an ihnen ließ sie, soweit das AI-Team es noch beurteilen konnte, als militärisches Ziel erscheinen.

 

Airwars zählte insgesamt 1300 sichere und 3200 mögliche zivile Opfer der US-Angriffe. Die tatsächliche Zahl ist, so auch die Initiative selbst, sicherlich wesentlich höher.

 

Auch beim Sturm auf Mossul liegen Dichtung und Wahrheit weit auseinander. Konfrontiert mit Berichten über zivile Opfer der US-Armee und ihrer Verbündeten, verstieg sich US-Verteidigungsminister James Mattis im August 2017, kurz nach der Rückeroberung Mossuls, zur Behauptung, es habe noch »kein Militär in der Weltgeschichte« gegeben, »das mehr Wert darauf gelegt hat, zivile Opfer und den Tod von Unschuldigen auf dem Schlachtfeld zu begrenzen«.

 

326 zivile Opfer eigener Angriffe räumt die US-Allianz mittlerweile selbst ein. Einer repräsentativen Studie vor Ort zufolge, die im Mai 2018 in der renommierten Fachzeitschrift PLOS Medicine veröffentlicht wurde, muss vom Sechzigfachen ausgegangen werden. Die Gesamtzahl der im Zuge der Kämpfe um die Stadt Getöteten – Zivilisten und Kämpfer – liegt der Studie nach in der Größenordnung von 90.000, darunter 33.000 Frauen und Mädchen. Ungefähr vierzig Prozent der Toten kamen den Angaben der Überlebenden zufolge bei Luftangriffen ums Leben. Da vermutlich die meisten Frauen und eine ebenso große Zahl von Männern keine Kämpferinnen beziehungsweise Kämpfer waren, muss man davon ausgehen, dass die Luftwaffen der USA, Frankreichs und Großbritannien, die ‒ unterstützt von der Bundeswehr ‒ fast alle Angriffe flogen, für den Tod von mehr als 20.000 Zivilisten verantwortlich sind (mehr dazu in Ossietzky 18/2018).

 

Neben völliger Rücksichtslosigkeit sind auch fehlende Fluchtmöglichkeiten für die hohe Zahl von Opfern mitverantwortlich. Während sich die syrische und russische Führung stets um Fluchtkorridore bemühten, hatte die US-geführte Allianz Flugblätter abgeworfen, in denen die Bevölkerung zum Bleiben aufgefordert wurde. Eingeschlossen durch die Front der angreifenden Bodentruppen und bedroht vom Daesch blieben so bis zum Schluss Hunderttausende eingeschlossen. Zu Beginn der Offensive auf West-Mossul lebten dort noch über 800.000 Menschen. Bis Mitte Juni hatten erst knapp 400.000 von ihnen die Stadt verlassen, viele wohl erst, nachdem ihre Viertel von Regierungstruppen eingenommen worden waren. Weitere 400.000 konnten erst in den allerletzten Tagen dem Inferno entrinnen.

 

Obwohl auch in Ost-Aleppo die dschihadistischen Milizen die Flucht der Zivilbevölkerung aus den von ihnen kontrollierten Vierteln mit Gewalt zu verhindern suchten, befanden sich dort zu Beginn der Offensive nach neuen Schätzungen nur noch 40.000 Menschen. Allein dadurch dürfte auch die Zahl der Opfer um vieles geringer geblieben sein.

 

Selbstverständlich forderte auch der Einsatz schwerer Waffen gegen Ziele in städtischen Gebieten durch die syrischen und russischen Streitkräfte viele Opfer. Da in Aleppo und anderen zurückeroberten Städten keine Mortalitätsstudien wie in Mossul durchgeführt wurden, kann man die Zahlen der Opfer der dortigen Offensiven kaum schätzen und vergleichen. Durch die Auswertung von Meldungen der Medien, Krankenhäuser und lokalen Beobachter kann man stets nur einen kleinen Teil der Getöteten erfassen. Dieser ist umso geringer, je heftiger die Kämpfe sind. So konnte Airwars in Mossul nur 9000 Tote erfassen, ein Zehntel der Zahl, die die PLOS-Studie nahelegt. Ein solch geringer Anteil ist, wie die IPPNW-Studie »›Body Count‹ ‒ Opferzahlen nach 10 Jahren ›Krieg gegen den Terror‹« zeigt, in Kriegssituationen durchaus typisch.

 

Vergleicht man jedoch das Ausmaß der Zerstörungen, so wird deutlich, dass die Feldzüge der US-geführten Koalition wesentlich verheerender sind als die der syrischen und russischen Streitkräfte. Besonders in West-Mossul und Raqqa übersteigt das Ausmaß an Zerstörung nach übereinstimmenden Einschätzungen von UN-Missionen, Menschenrechtsorganisationen und Journalisten alles, was wir seit dem Vietnamkrieg gesehen haben.

 

Im Westen Mossuls wurden nahezu 80 Prozent aller Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Video-Aufnahmen und Fotos zeigen westlich des Tigris eine einzige Trümmerlandschaft. Durch Luftangriffe zerstört wurden nach Angaben irakischer Behörden auch 80 Prozent der medizinischen Einrichtungen der Stadt, darunter das größte Gesundheitszentrum des gesamten Gouvernement Ninive, das mehrere Krankenhäuser, eine medizinische Schule und zahlreiche Labors beherbergte.

 

Die Verwüstungen in Raqqa werden sogar als noch umfassender eingeschätzt. Während in Mossul »nur« der Westen in ein Trümmerfeld verwandelt wurde, hat die Rückeroberung Raqqas UN-Vertretern zufolge 80 Prozent der gesamten, einst 400.000 Einwohner zählenden Stadt unbewohnbar gemacht. Die Zerstörungen, die die USA, Großbritannien und Frankreich Raqqa zugefügt haben, seien »die schlimmsten seit Jahrzehnten«, so Amnesty International.

 

»Wenn Bomben eingesetzt werden, die groß genug sind, um ganze Gebäude zu zerstören, sowie Artilleriewaffen mit großflächiger Wirkung, sind jegliche Behauptungen, zivile Verluste minimiert zu haben, unhaltbar«, so Donatella Rovera, Krisenbeauftragte bei AI.

 

Ost-Aleppo erlitt im Zuge seiner Befreiung ebenfalls großflächige Verwüstungen, jedoch bei weitem nicht in dem Ausmaß wie Mossul und Raqqa. Nach Einschätzung der UNESCO waren nach Ende der vier Jahre andauernden Kämpfe 60 Prozent der Altstadt, durch die die Front verlief, schwer beschädigt und bis zu 30 Prozent völlig zerstört. Ein erheblicher Teil der Schäden wurde allerdings bereits im Sommer 2012 beim Eindringen der islamistischen Milizen verursacht.

 

Entgegen dem Bild in den Medien und im Unterschied zu Mossul und Raqqa waren in Aleppo die meisten während der Rückeroberung entstanden Schäden den Beobachtungen des schwedischen Konfliktforschers Jan Oberg zufolge, der die befreiten Gebiete nach Abzug der Milizen in Augenschein nahm, während der Straßenkämpfe entstanden. Er schätzt, dass höchsten zehn Prozent der Zerstörungen auf das Konto von Luftangriffen gehen.

 

Die syrische und russische Führung bemühte sich bei der Rückeroberung von Städten stets, durch Verhandlungen Entscheidungsschlachten in urbanen Zentren bis zum letzten gegnerischen Kämpfer zu vermeiden, indem sie allen Straffreiheit anboten, die bereit waren, ihre Waffen abzugeben, und freien Abzug für die, die nicht aufgeben wollten. Von Seiten der US-Allianz gab es hingegen keine entsprechenden Anstrengungen ‒ mit den zu erwartenden Folgen.

 

Der Wiederaufbau Ost-Aleppos geht trotz knapper Ressourcen des kriegsgebeutelten Landes und eines umfassenden Embargos durch die westlichen Staaten voran. Das Ende der Kämpfe hat bis Dezember 2017 bereits rund 500.000 aus Aleppo geflohene Einwohner zur Rückkehr bewegt. Über 300.000 wechselten auch wieder in den Ostteil.

 

Die Lage in Mossul hingegen sieht nach wie vor düster aus. Etwas mehr als die Hälfte der Flüchtlinge ist zurückgekehrt, die meisten drängen sich im nicht so stark verwüsteten Ostteil der Stadt. Der Westen sei noch »fast eine Totenstadt«, so der aus Mossul stammende Dominikanerpater Michaeel Najeeb. »Da findet man kaum ein Haus, das noch aufrecht stünde.«

 

Der Krieg der US-Allianz in Syrien und Irak, an dem Deutschland aktiv beteiligt ist, ist nicht nur brutal und rücksichtslos, er ist vielerorts auch mutwillig. Die syrische Streitkräfte und ihre russischen Verbündeten, die es mit Gegnern zu tun haben, die von außen ausgerüstet und unterstützt werden, haben kaum Alternativen zu einem militärischen Vorgehen, wollen sie das Land aus den Händen von Al Kaida & Co. befreien und den von dort Vertriebenen die Rückkehr ermöglichen.

 

Da der Daesch sich nur so lange halten konnte, weil er nach wie vor Unterstützung – direkt oder indirekt – von den arabischen Golfmonarchien, der Türkei und anderen NATO-Staaten erhält, hätte es nahegelegen, ihn zunächst durch effektives Abschneiden vom Nachschub auszutrocknen. Durch politische Zugeständnisse an die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung in Mossul hätten hier gute Chancen bestanden, dass sie sich gegen die Dschihadisten gewandt hätten.

 

Vor keiner der Offensiven gegen die vom Daesch kontrollierten Städte wurden Alternativen zur »Befreiung durch Zerstörung« auch nur diskutiert. Diesen ging es offensichtlich nicht um das Los der Bevölkerung. Die fürchterlichen Verbrechen an den Städten und ihren Bewohnern wurden aus völlig eigennützigen Interessen begangen: Schutz des Westens selbst vor den fanatischen Kämpfern, die Ausweitung der eigenen militärischen Präsenz und die Besetzung syrischen Territoriums.