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Titel2216

Peter Weiss zum 100. Ein Kalenderblatt  (Klaus Nilius)

Es war in jenen 1960er Jahren, als Franz Josef Degenhardt auf seiner ersten LP von dem »Bauchladenmann« sang, der »durch die Straße« schritt und »eine seltsame Ware« anpries: »Einen Bauchladen voller Tabus«.

 

Auch zu uns, den damaligen Ostermarschierern in der tiefen Provinz nahe dem großen Truppenübungsplatz, auf dem US-Soldaten für den Krieg in Vietnam ausgebildet wurden, kam solch ein Bauchladenmann. Ebenfalls mit »Tabus« im ambulanten Angebot, zum Beispiel mit dem 1965 von dem SED-Politiker Albert Norden vorgestellten und später, 1967, in der Bundesrepublik auf der Frankfurter Buchmesse spektakulär beschlagnahmten »Braunbuch« aus der DDR »über Kriegs- und Naziverbrecher in hohen Positionen in der Bundesrepublik und in West-Berlin«.

 

Im August 1966, 50 Jahre ist es gerade her, hatte der »fliegende Händler« ein weiteres »Tabu« parat: »Vietnam«, die allererste Voltaire-Flugschrift aus dem gleichnamigen Verlag in Berlin, verfasst von Peter Weiss.

 

Kritik an den USA, die damals in Vietnam, wie heute die Bundeswehr am Hindukusch, angeblich die westliche Freiheit verteidigten, war gerade in jener Region, in der ein großer Teil der Bevölkerung durch die militärische Infrastruktur Arbeit und Brot fand und heute noch findet, etwas Verwerfliches, tabuisiert.

 

Aber nun gab es einen für uns unbestechlichen Kronzeugen, diesen Schriftsteller Weiss, dessen »Ermittlung«, ein »Oratorium« über den im Dezember 1963 begonnenen Auschwitzprozess in Frankfurt am Main, ein Dreivierteljahr zuvor an 16 Bühnen in der Bundesrepublik und der DDR aufgeführt und mit Preisen ausgezeichnet worden war. Das Werk wurde so bekannt, dass es zeitnah als Lizenzausgabe des Suhrkamp Verlages sogar im Bertelsmann Lesering angeboten wurde.

 

Der Appell in der Flugschrift von Peter Weiss gegen »das Gemetzel« in Vietnam endete mit den Zeilen: »Doch wenn Millionen Arbeiter endlich das Wort ergriffen und mit dem Nachdruck aller ihnen zur Verfügung stehenden Machtmittel das sofortige Aufhören der amerikanischen Kriegshandlungen forderten, so würde es Johnson und seiner Regierung schwerfallen, das Morden fortzusetzen.« (Lyndon Baines Johnson war am Tag der Ermordung Kennedys im November 1963 als neuer Präsident vereidigt worden. K. N.)

 

Peter Weiss war »unser Mann«. Beim Diskutieren in politischen Arbeitskreisen im Hinterzimmer des Dorfkrugs führten wir ihn im Munde. (Erst recht, das war allerdings dann schon im Juli 1968, als die Voltaire Flugschrift 21 erschien: der »Bericht über die Angriffe der US-Luftwaffe und -Marine gegen die Demokratische Republik Viet Nam …« von Peter Weiss und seiner Ehefrau Gunilla Palmstierna-Weiss.)

 

Als dann am 23. November 1967 im 1. Programm der Fernsehfilm »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats« unter der Regie von Peter Schulze-Rohr gesendet wurde, schon in Farbe (ich sah ihn bei einem befreundeten Ehepaar noch in Schwarzweiß) zur – heutiges Publikum, höre und staune – besten Sendezeit an einem Donnerstag um 21.05 Uhr, da scherten wir uns nicht um Einwände von Feuilletonisten bezüglich der Inszenierung. Unsere Lust »an der Sache« war geweckt, spätestens seit Sänger und Chor im Stakkato (so meine Erinnerung) intoniert hatten:

»Marat was ist aus unserer Revolution geworden

Marat wir wolln nicht mehr warten bis morgen

Marat wir sind immer noch arme Leute

Und die versprochenen Änderungen wollen wir heute.«

Da hatte jemand unser 68er-Lebensgefühl voll getroffen. Peter Weiss war uns im besten Sinne des Wortes »auf den Geist gegangen«.

 

Im März 1968, zur besten Ostermarschierer-Zeit, wurde dann an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main ein neues Drama uraufgeführt, das genau das zeigte, was der Titel bezeichnete: »Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten«. Noch mehr Argumente für unseren Protest gegen den Krieg im Fernen Osten und seine Unterstützer hierzulande. Weitere Aufführungen folgten in Berlin, Havanna, Mailand, München, Oslo, Rostock, Stockholm, Tokio. Die Welt sah und hörte »unseren« Weiss.

 

Dann, 1975, wurde es gigantisch: Teil I des monumentalen essayistischen Romans »Die Ästhetik des Widerstands« erschien, Teil II und Teil III folgten 1978 und 1981. Peter Weiss hatte sein, nach eigenem Urteil, »literarisches Hauptwerk« vorgelegt. »Ein Buch des höchsten Ehrgeizes«, urteilte damals der Literaturkritiker und NDR-Redakteur Hanjo Kesting: 950 Seiten insgesamt im großformatigen Suhrkamp-Original, ein »Panoramabild der europäischen Arbeiterklasse zwischen 1917 und 1945« (Debes, s. u.).

 

Diese Erstveröffentlichung und die 1983 im Henschelverlag (DDR) erschienene Ausgabe wichen allerdings im Textbestand vor allem im dritten Teil beträchtlich voneinander ab.

 

Die jetzt Ende Oktober zeit- und preisgleich vom Suhrkamp Verlag und von der Büchergilde vorgelegte Ausgabe gilt nun als »definitive Fassung«. Sie folgt »so streng wie möglich dem letzten Willen des Autors« (der Philologe und Weiss-Kenner Jürgen Schulte in seinem editorischen Nachwort). Bei der Produktion der im Suhrkamp Verlag herausgekommenen Erstausgabe »war es nämlich zu einem Konflikt zwischen dem Autor und dem Verleger gekommen. Die Eingriffe der Suhrkamp-Lektorin in den Text hatten Weiss aufs stärkste beunruhigt«. In der DDR kam es »bis in höchste Instanzen« zu »langwierigen Auseinandersetzungen über die im Roman dargestellten Debatten zur kommunistischen Strategie und Taktik sowie über die katastrophale Entwicklung der Verhältnisse in der Sowjetunion«. Dennoch konnte Weiss hier »ohne Rücksicht auf die Kosten von Korrekturen und Neu-Umbruch … den Roman nach seinen Vorstellungen einrichten« (Schulte).

 

Zur aktuellen Neuausgabe schrieb Herbert Debes, Lektor und Herausgeber des Magazins für Literatur und Zeitkritik Glanz & Elend, im Magazin des Buchclubs: »Wie weit entfernt sind wir heute im gesellschaftspolitischen Diskurs von jener Ernsthaftigkeit, mit der Peter Weiss seinen jungen, namenlosen Arbeiter zu Füßen des Pergamonaltars nach Möglichkeiten eines richtigen Handelns im Widerstand gegen die nationalsozialistische Schreckensherrschaft suchen lässt?«

 

Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes geboren, einer ehemaligen Ortschaft östlich von Potsdam, auf dem Gebiet des heutigen Babelsberg gelegen. Er starb am 10. Mai 1982 in Stockholm, seiner schwedischen Exilheimat, gerade mal 65 Jahre alt, an einem Herzinfarkt.

 

Peter Weiss: »Die Ästhetik des Widerstands«, 1. Auflage 10/2016 Suhrkamp Verlag, 1200 Seiten, 38 €