erstellt mit easyCMS
Titel120

Bemerkungen

Ein ganz normaler Tag

 

Morgenhelligkeit vor dem Fenster,

vertrautes Licht. Sonnenaufgang.

Mittag wird es werden, Abend und

Nacht. Inschallah – so Gott will.

Der Winter wird kommen, der Frühling.

Und dann? Wird die Erde wieder grün?

Wiesen, Bäume, Weizenfelder. Oder

wird sie brennen überall, verbrennen

wie der blühende Irak, das reiche Libyen

und der arme Jemen …

 

Auf dem Schreibtisch Papiere ordnen,

Gedanken ordnen, um Worte für die

Unordnung zu finden. Für das Zerstören

von Träumen, Lebensräumen,

von Glück, Hoffnung und Vertrauen.

Gibt es Worte für die Opfer?

Gegen die Täter, die Drahtzieher, gegen

die Nutznießer, gegen hirngewaschene

Schreiberlinge und Mitläufer?

 

Ein ganz normaler Tag, an dem ein

Krieg beginnt. Irgendwo in der Welt.

Beginn der unendlichen Verheerung.

Söldner, die Krieg spielen.

Nein, sie bauen keine Brunnen.

Renate Schoof

 

 

Weichen gestellt

Knapp zwei Monate nach der Parlamentswahl vom 10. November waren in Spanien die Weichen gestellt. Am 30. Dezember präsentierte der amtierende Ministerpräsident Pedro Sánchez gemeinsam mit Pablo Iglesias von der Linkspartei Unidas Podemos (UP) ein Regierungsprogramm, das den Katalanen Verhandlungen über einen neuen Kompetenztransfer und allen Spaniern mehr soziale Gerechtigkeit in Aussicht stellt. Dafür musste Sánchez (Partido Socialista Obrero Español; PSOE) bei seinen Verhandlungen mit UP-Generalsekretär Iglesias große Zugeständnisse machen. Mit der Krise, den sozialen Einschnitten und dem schlechten Krisenmanagement der Rechten in Katalonien – geführt von der Partido Popular, der Ciudadanos und der reaktionären VOX – hat das Land ein ganzes Jahrzehnt verloren, klagte der UP-Generalsekretär bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags.

 

Kernstück des 50-seitigen Programms ist die Aufhebung der Arbeitsmarktreform, die vor allem Unternehmen begünstigte und von Sánchez’ konservativem Vorgänger Mariano Rajoy 2012 durchgesetzt worden war. Vorgesehen ist auch eine Steuerreform, die Besserverdiener zur Kasse bittet. Im Maßnahmenpaket finden sich auch eine Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns von derzeit 900 auf 1200 Euro und ein Kündigungsschutz für krankgeschriebene Arbeitnehmer. Auch gesellschaftspolitisch sieht die Linkskoalition Handlungsbedarf, die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen soll geschlossen werden. Der Religionsunterricht soll ab sofort kein Pflichtfach an Schulen mehr sein. Ein Kapitel im Programm ist dem Umgang mit Katalonien gewidmet. Die Koalition verpflichtet sich zum Dialog und zu Verhandlungen, um eine politische Lösung für die schwelende Krise zu finden. Das ist eine Empfehlung der katalanischen Linksrepublikaner der Esquerra Republicana de Catalunya (ERC), die dreizehn Abgeordnete im Parlament stellt und damit den Schlüssel für Sánchez´ Wiederwahl zum Regierungschef am 7. Januar (nach Ossietzky-Redaktionsschluss) in der Hand hält. Die Enthaltung der ERC bei der Wahl ermöglicht der neuen Linkskoalition, das erstarkte rechte Lager im Parlament zu überstimmen, aber die Mehrheit ist fragil. Eine Rolle spielen auch juristische Entwicklungen.

 

Der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hatte im November 2019 in einem Gutachten erklärt, dass der Vorsitzende der ERC, Oriol Junqueras, Immunität genieße und nicht in einem spanischen Gefängnis, sondern im Europäischen Parlament sitzen sollte. Der Europäische Gerichtshof folgte dem Gutachten und bestätigte im Dezember, dass Junqueras freigelassen werden müsse. Das Gericht in Luxemburg befand, dass der spanische Staat gegen EU-Recht verstoßen habe, als er es dem inhaftierten ERC-Präsidenten im Mai nicht erlaubte, sein Mandat in Brüssel anzutreten. Der separatistische Politiker habe nach der Wahl zum EU-Parlamentarier bereits Immunität genossen und hätte somit aus seiner Untersuchungshaft entlassen werden müssen, monierte der EuGH.

 

Junqueras, einst stellvertretender Ministerpräsident von Katalonien, war wegen seiner Rolle bei dem nach der spanischen Verfassung verbotenen Unabhängigkeitsreferendum zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien – katalanisch Referèndum d'Autodeterminació de Catalunya – fand am 1. Oktober 2017 statt.

 

Am 30. Dezember 2019 meldete sich ein Juristengremium, das die spanische Regierung berät, zu Wort und plädierte für Junqueras’ vorläufige Haftentlassung.

 

Die konservative Opposition kritisierte Sánchez’ Regierungsprogramm lautstark. Der Sozialist habe, so Pablo Casado von der Partido Popular, seine Landsleute getäuscht und einfach den Forderungen der Unabhängigkeitsbefürworter nachgegeben. Ins gleiche Horn bläst Cayetana Álvarez de Toledo y Peralta-Ramos aus der Führungsriege der PP. Sie bezeichnet und beschimpft die für die Unabhängigkeit eintretenden Parteien und Personen als »Faschisten«. Da ist die Wortwahl des Vorsitzenden der ultrarechten VOX, Santiago Abascal, der das Tun von Ministerpräsident Pedro Sánchez als »Landesverrat« bezeichnet, fast noch harmlos.                    

Karl-H. Walloch

 

 

Unsere Zustände

Wenn sich das Leid auf dieser Welt in Tränen verwandelte, würden wir alle ertrinken.

*

Der Kapitalismus ist ein Zustand, keine Orientierung. Ohne sie wird es immer mehr Verirrte geben.

*

Demnächst hänge ich mir drei Uhren ins Wohnzimmer, weil ich der Zeit nicht mehr traue.

Wolfgang Eckert

 

 

Höhenflüge, Notlandungen

Dass ein Buch voller poetischer Höhenflüge »Notlandung« betitelt ist, mag zunächst absurd klingen, es erklärt sich aber rasch, denn eine solche vom Autor im irischen Shannon erlebte Situation ist der zentrale Text des Bandes. Über 30 Seiten: »Auf glitschiger Fläche … gleite ich abwärts«; alle Fragen des Menschseins, der Existenz, des »Ungarseins«, des möglichen Todes stehen vor dem Autor, und er gestaltet die Situation durch, in die niemand zu kommen wünscht, der ein Flugzeug besteigt. Die existenzielle Durchdringung gipfelt in der Reminiszenz an eine Bruchoperation in Toronto, die fast in einen Zwischenfall ausgeartet war, doch die Rezitation von Gedichten Shakespeares und Blakes nebst Beruhigungsspritze halfen. Auch die Notlandung endet beinahe nebensächlich, Böszörményi zitiert die Stimme des Kapitäns: »Bleiben Sie bitte auf Ihren Sitzen, / wenn die Maschine zum Stehen kommt. / Die unserem Flugzeug folgenden Feuerwehren / melden Rauch.« Im Hotel erklärt man den unversehrt gebliebenen Fluggästen, dem irischen Schutzheiligen St. Patrick sei die Rettung zu danken.

 

Zoltán Böszörményi ruft in seinen Texten immer alles auf, was »Abendland« ausmacht: Religion, Philosophie, Dichtung, Geschichte, Mathematik, die Auseinandersetzung geht stets ins Grundsätzliche, ohne Fußnotenapparat kam der Autor nicht aus, der Leser sollte Nachschlagewerke in Reichweite haben. Aber es ist tröstlich, dass in Zeiten des galoppierenden Flachsinns in vielen Bereichen unseres Alltags noch solche Auseinandersetzungen gewagt werden, dass ein Autor seine Leser in Auseinandersetzungen mit sich selbst zwingt und unsere Denktraditionen fordert. Insofern sind alle Texte des Bandes »Notlandungen«, weil sie Besinnung und Selbstkonfrontation erzeugen. Das gilt auch für die im Buch abgedruckten Prosatexte. Es sind seltsame Schriften, Traktate beinahe, über der Realität fast schwebend, aber in ihrer abgründigen Schwermut ganz wahr wirkend.

 

Zoltán Böszörményi wurde 1951 im rumänischen Arad geboren, seine ersten Bücher erschienen in Bukarest, dem »Interesse« der Securitate entzog er sich durch Emigration nach Kanada. Weitere Bücher erschienen auf Ungarisch. Das vorliegende Buch enthält jeweils die ungarische Version der Gedichte. Das verdeutlicht die große Leistung des Übersetzers Hans-Henning Paetzke, freilich hat die Gegenüberstellung ein ungünstiges Buchformat zur Folge. Fast wie ein Lehrbuch sieht der Band aus, mit seinen furchtbar harten Deckeln zumal. Schade, so ein Buch wird kaum einmal zum Begleiter, das man, irgendwo sitzend, aufschlägt, um zu lesen: »All und Fantasie laufen Hand in Hand / Die Schönheit wirkt unermüdlich im Hof / des Eros. Heiter sei das Flanieren / am Gestade des Ozeans …«                         

Albrecht Franke

 

Zoltán Böszörményi: »Notlandung«, aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Mitteldeutscher Verlag, 304 Seiten, 20 €. Von Albrecht Franke erschien im Mitteldeutschen Verlag vor wenigen Wochen das Buch »Christa Johannsen – ein erfundenes Leben. Ein Schriftstellerinnenleben im 20. Jahrhundert«, 392 Seiten, 16 €.

 

 

Walter Kaufmanns Lektüre

Volker Weidermann ist geübt darin, er kann es, hat wiederholt gezeigt, dass er ein Schriftstellerleben bildhaft in klarem, schönem Deutsch zu umreißen versteht. Nichts scheint zu fehlen, sie sind da, die Schreibenden, man sieht sie, versteht sie. Das Duell, die Jahrzehnte währende Fehde Reich-Ranicki/Grass, lieferte ihm den Stoff für ein Buch über die zwei Literaten, ein kurzweiliges Dreihundert-Seiten-Buch, zügig und mit Genuss zu lesen. Was man nicht alles erfährt über den polnischen Juden Marcel Reich, der die Shoah überlebte und als MRR zum berühmt-gefürchteten Kritiker im deutschen Hier und Heute aufstieg; und wie nah uns auch der schließlich zum Nobelpreis erkorene Günter Grass rückt – Volker Weidermann hat das Gegeneinander der beiden genutzt, um sie wie mit Kohle auf weißem Grund sichtbar zu machen. Man sieht sie, hört sie, erlebt, wie sie zwischenzeitlich Abstand voneinander nehmen (monatelang entzieht sich Grass der Kritik nach Kalkutta), und doch können am Ende die beiden nicht voneinander lassen, bleiben in einer Art feindlicher Freundschaft zusammengeschweißt; in Hochachtung vor der Leistung des jeweils anderen strecken sie die Waffen: ebenbürtige Widersacher – der Jude MRR, der die deutsche Literatur liebt und kein Deutscher sein will, und der wortgewaltige GG, den Kindheitserfahrungen, die Erfahrungen der Jugend und die Erfahrungen als Mann (auch die eines SS-Soldaten) zu einem Deutschen unserer Zeit geprägt haben. Volker Weidermanns »Das Duell« ist ein großartiges Buch.                                                  

W. K.

 

Volker Weidermann: »Das Duell«, Kiepenheuer & Witsch, 310 Seiten, 22 €

 

 

Herbstliebe 1989/90

Dass dieser kleine Roman gerade jetzt erscheint, wo sich die politischen Ereignisse, die ihm zugrunde liegen, zum dreißigsten Mal jähren, mag Zufall sein. Das Problem, das er behandelt, wird dieses wiedervereinigte Deutschland noch lange begleiten: Wird ein reales Zusammenleben, das viel beschworene Zusammenwachsen, gelingen? Erzählt wird die gescheiterte Liebe zwischen Silke, einer blutjungen Ostberlinerin, und dem Charlottenburger Ulf, der, in kleinbürgerlichen Westberliner Verhältnissen groß geworden, sein Single-Dasein lebt. Beide begegnen sich während der Demo-Randale am 3. Oktober 1990, der ersten Einheitsfeier, auf dem Alex, versuchen in den Monaten danach ein gemeinsames Leben. Kögel erzählt, was die historischen Vorgänge betrifft (auch den 7. Oktober 1989), historisch
exakt. Wie er aber dann die Zeitereignisse mit dem Lebensschicksal zweier junger Berliner verknüpft, verrät beachtliches poetisches Gestaltungsvermögen. Und er kann Typen gestalten, Silkes Mutter etwa, die sich in der DDR-Opposition engagiert, oder den Westberliner Anarchisten Malicke, der mit Sprengstoff gegen »die da oben« hantiert. Gerade ihn durchschaut die 15-jährige Ostberlinerin Silke schnell. »Ich habe ihm erzählt, wie das war vor einem Jahr und was sich mit ein paar tausend Kerzen alles anstellen lässt. Ich habe erzählt, wie es immer mehr wurden, und vom 4. November auf dem Alexanderplatz habe ich erzählt, sogar davon, was ich mit meiner Mutter dort erlebt habe, ihr habt das nie kennengelernt, ihr im Westen, eine halbe Million, hättet ihr nie zusammengekriegt, für keine Demo, für nichts.«

 

Jürgen Kögel ist schon in der DDR – damals war er noch Cellist im Berliner Sinfonie-Orchester – mit literarischen Erzählungen und Romanen hervorgetreten, unter anderem »Sprechen im Dunkeln« und »Zertanzte Schuhe«. Es bleibt zu hoffen, dass sein neues Buch ein breites Echo findet – bei ost- und westdeutschen Lesern.                        

Dieter Götze

 

Jürgen Kögel: »Silkes zweiter Schatten, Edition Freiberg, 139 Seiten, 9,95 €

 

 

 

Bleibe im Turm

 

Bleibe im Turm

geh nicht nach draußen

Scardanelli, was suchst

du? Hölderlin, den wirst

du nicht finden

 

Griechenland, der Parnass

die Götter, wo du immer

schon geweilt in

Gedanken und Gedichten

das ist deine Welt

 

jene, die es sonst nicht

gibt außer bei dir. Was

willst du draußen

dort hast du noch

nie etwas gefunden

 

Die Studenten, ja sie

warten. Guck, da kommt

die Vogelscheuche. Redet

lauter dummes Zeug. Und

erst nach einem Bier

und die Kinder beim Spaziergang

durch die Weinberge

sie rufen, lachen, bewerfen

dich, willst du dir das antun?

Ach die Welt, so wie sie wirklich ist

 

sie war noch nie die deine

du weißt es doch, aber halt

ganz unten in der Wirklichkeit

der Tischlermeister, der dich

beherbergt schon seit vielen Jahren

 

Kein Gott, doch ein König des Alltags

hat er deine Gedichte

gelesen? Egal, es stört

ihn nicht, nicht der Parnass

doch das Leben des Verstörten

Heinrich Peuckmann

 

Im März 2020 jährt sich Friedrich Hölderlins Geburtstag zum 250. Mal.

 

 

Die verdammten drei Wünsche

Man will es einfach nicht glauben …, aber wünschen darf man sich alles, egal ob zum Geburtstag, zu Weihnachten oder einfach so zwischendurch ..., aber besonders zum Jahreswechsel. Mancher wünscht sich dann ein dickes Portemonnaie, der Nächste ein langes Leben – natürlich mindestens 100 Jahre. Andere wünschen sich einfach nur gutes Wetter. Mein Nachbar wünscht sich, dass sein Lieblingsverein Deutscher Fußballmeister wird. Ja, die Palette der persönlichen Wünsche reicht vom neuen Auto bis zur Idealfigur, vom Kinderwunsch bis zum Lottogewinn.

 

Wir alle kennen die Story von der guten Fee, die uns drei freie Wünsche verspricht. Eine märchenhafte Geschichte, aber wenn das Zauberwesen dann doch einmal unverhofft auftaucht, kommen wir mit unseren Wünschen ganz schön ins Schwitzen. Was sind unsere geheimsten Wünsche? Schnell stellen wir fest, dass die Reduzierung auf drei Wünsche von dem Wunschengel ziemlich gemein ist. Weltfrieden? Klimaneutralität? Gesundheit? Unsterblichkeit? Fernreise? Luxusleben? Jeden Tag Sonnenschein? 10.000 Euro Sofortrente? Da kann man schnell mal den falschen Wunsch äußern. Auch die Geschichte von dem Schlitzohr, das sich bei seinem dritten Wunsch drei weitere Wünsche (und so fort) erbat, ging am Ende nach hinten los.

 

Und so bleiben die meisten Wünsche schließlich nur Wünsche, daher halte ich es mit dem Kabarettisten Werner Finck:

»Gestern trat ein Fräulein an mein Bette/ Und behauptete, die Märchenfee zu sein,/ Und sie fragte mich, ob ich drei Wünsche hätte,/ Und ich sagte, um sie reinzulegen: nein!«          

Manfred Orlick

 

 

Zuschrift an die Lokalpresse

Weihnachten ist seit je das Fest, in dem Geschichten erzählt, Wunder aufgetischt und Geschenke aus dem Sack geschüttelt werden. Ich denke dabei nicht nur an die klassische Story von der Geburt Jesu und der Bereitstellung eines zusätzlichen Krippenplatzes in einem provisorischen Kreißsaal, sondern auch an die Freude der Beschenkten aller Alterskategorien unterm Lichterbaum! Aber auch die kleinen Dinge am Rande machen Freude, so die 25.000 blauen und hellroten Glühweintassen, die laut Chemnitzer Morgenpost vom 24. Dezember vom Weihnachtsmarkt als Souvenir mitgenommen wurden! Ein besseres Bekenntnis zu alten Traditionen kann man sich gar nicht wünschen, und es bleibt zu hoffen, dass die Verlängerung des Marktes um zwei weitere Tage in der Adventssaison 2020 realisiert werden kann! – Benjamin Gutjahr (82), Pensionär, 09123 Chemnitz-Klaffenbach               

Wolfgang Helfritsch

 

 

Mehr Elefanten

Seit Jahren schon verzichten wir auf einen Weihnachtsbaum. Die Kinder sind lange aus dem Haus, es gibt weder Knecht Ruprecht noch Schnee: Wozu also dieses Relikt aus vergangenen Jahren pflegen? Doch heuer, die Gründe sind mir nicht erklärlich, bestand mein Weib auf einem Baum. Sie meidet bei Wünschen die direkte Ansage, doch das Schleichen um den Brei beherrscht sie meisterlich, weshalb ich mich einen Tag vor der Heiligen Nacht zum Alexanderplatz aufmachte, um dort, wie der Berliner sagt, eine Hallelujapalme zu erwerben. Ich nahm die erstbeste, weil es unnütz ist, viel Zeit für die Suche zu verschwenden. Sie sehen ohnehin alle gleich aus und fliegen nach zwei Wochen aus dem Fenster. Die Beziehung ist nur von kurzer Dauer, weshalb man sich nicht ewig prüfen muss. Ich zahlte die vierzig Euro und begleitete die Übergabe des Geldes mit der teilnahmsvollen Frage, ob sie, die Chefin des Marktes, noch damit rechne, auch die übrigen Bäume loszuwerden. Keine Chance, entgegnete sie, das Geschäft sei diesmal miserabel gelaufen. Oh, sagte ich, da werden sich die Elefanten aber freuen, denn als Leser der hauptstädtischen Tagespresse weiß ich, dass nach dem Jahreswechsel die Dickhäuter mit unverkauften Tannen gefüttert werden. (Angeblich schmecken diese den Tieren besonders gut, was ich nicht verstehe: In Afrika und in Indien, wo sie zu Hause sind, gibt es meines Wissen gar keine Nordmanntannen.)

 

Darauf die betrübte Verkäuferin: Ach, so viele Elefanten gibt es nicht in Berlin, um all die übriggebliebenen Tannen zu entsorgen.

 

Das sollte der Politik zu denken geben!                             

Frank Schumann